Alle Artikel von pepe

2009: Lesen im digitalen Zeitalter von Gutenberg zu Google

SYMPOSION DER DEUTSCHEN LITERATURKONFERENZ
LEIPZIG, 14.MÄRZ 2009

Was spielt sich während des Lesens im Gehirn ab, und wie bedingen sich Lese- und Kulturkompetenz? Verändert die ständige Nutzung des Internets unser Lesen? Während Kritiker des Internets den Verfall der Gesellschaft und des Lesens sehen, bejubeln die Befürworter den Zugang zu Information und Wissen weltweit und für alle Bevölkerungsteile. Der rasante technische Fortschritt eröffnet ungeahnte Möglichkeiten und offenbart ungekannte Gefahren. Und was ist eigentlich mit dem Urheberrecht?

Ernst Pöppel
Die unmöglichste Tätigkeit des Gehirns: das Lesen!

Susanne Gaschke
Wissen für alle!
Warum wir Weltverständnis nicht bei Google finden

Karl Riesenhuber
Leser-Texte-Urheber
Urheberrechtsschutz im digitalen Zeitalter

Podiumsgespräch
Susanne Gaschke, Uwe Jochum, Annette Kroeber-Riel, Antje Kunstmann, Robert Staats
Moderation: Wilfried F. Schoeller

2008: Das Gedächtnis der Orte – Über die Zukunft unserer Literaturmuseen

SYMPOSION DER DEUTSCHEN LITERATURKONFERENZ
LEIPZIG, 15. MÄRZ 2008

Weit über 6000 Museen in Deutschland streiten um ein Stück vom öffentlichen ,Förderkuchen‘ und die Förderalismusreform hat die Situation nicht verbessert: Zuschüsse des Bundes können nun nur noch unter gesamtstaatlichen Gesichtspunkten vergeben werden. Hinzu kommt: Literaturmuseen, die schon lange nicht mehr einfach nur Orte musealer Präsentation sind, sondern mit einem breit gefächerten Veranstaltungsprogramm aufwarten, konkurrieren nicht nur mit Großereignissen, Festivals und Events des kulturellen Lebens, sondern auch mit den veränderten Bedingungen im Informationszeitalter. Denken wir zudem an Digitalisierung bzw. an den Erhalt von Daten, ergeben sich die damit verbundenen Schwierigkeiten und Fragen von ganz allein. Was und wie heute diesbezüglich entschieden wird, wird wesentlich dazu beitragen was für kommende Generationen auffindbar, erinnerbar und identifizierbar sein wird. – Was bedeutet dies alles für die Literaturmuseen?

Christiane Kussin
Einführung

Wolfgang de Bruyn
Vom Sommersitz auf Hiddensee bis zur schlesischen Seelen-Schale Der deutsch-polnische Verbund der Gerhart-Hauptmann-Häuser

Elisabeth Tworek
Verdaten, Vermitteln, Vernetzen – Lebendige Literaturarchive heute

Heiner Boehncke
Bücher, Routen und Projekte >Literaturland Hessen

Hans Wißkirchen
Der Museumsverbund in Lübeck oder: Wie ein Literaturmuseum sich im Kontext verändert

Ute Pott
Was ist die Welt ohne Freunde? Museumsarbeit im Verbund – Das kulturhistorische Netzwerk >Sachsen-Anhalt und das 18. Jahrhundert<

Heike Gfrereis
Atmen mit dem Archiv. Die Ausstellungen im >Literaturmuseum der Moderne<

2007: Lost in translation: Der Einfluss von Übersetzungen auf die deutsche Sprache

SYMPOSION DER DEUTSCHEN LITERATURKONFERENZ
LEIPZIG, 24. MÄRZ 2007

Gibt es einen Einfluss fremder Sprachen auf die deutsche? Wie ist dies zu beurteilen, etwa aus dem Blickwinkel des Literaturübersetzers, der Arbeit des Synchronisierens, des deutsch schreibenden Autors fremder Zunge, übersetzender Autoren und deren Lektoren oder auch der Wissenschaft, die sich mit fremdsprachlichen Spuren im Deutschen beschäftigt und sie aufzuspüren versucht.
Gibt es eine Art Raster beim Übersetzer, also immer diesen einen Ausdruck, diese eine Satzstruktur als Äquivalent zu nehmen statt anderer, möglicher Entsprechungen? Wie ergeht es übersetzenden Autoren – beeinflusst das Übersetzen ihre eigene schriftstellerische Arbeit? Und wie deutsch schreibenden Autoren anderer Muttersprache? Überwiegt der Wunsch, ein korrektes Deutsch zu schreiben, oder ist das ‚Übersetzen im Kopf‘ aus der Muttersprache eine Bereicherung? Wie gehen Lektoren mit Übersetzungen um? Was lassen sie dem Übersetzer ‚durchgehen‘, was dem Autor?

Nathalie Mälzer-Semlinger
Einführung

Podiumsdikussion
Karin Krieger, Ilma Rakusa, Christa Schuenke, Klaus Siblewski, Imre Török – vorgestellt und moderiert von Frauke Meyer-Gosau

Manifest der Deutschen Literaturkonferenz zur Online-Nutzung von Buchinhalten

Oktober 2006. Autoren, Übersetzer, Verleger und Bibliothekare begrüßen es, dass sich auch Europäische Union und Bundesregierung intensiv mit Plänen für den Aufbau einer allumfassenden digitalen Bibliothek beschäftigen. Jegliches staatliche oder private Engagement für solche Projekte ist aber nur sinnvoll, wenn bei diesen das Urheberrecht eingehalten wird und die Rechte und Leistungen der Urheber und Verlage respektiert und honoriert werden.
Deshalb begrüßt die Deutsche Literaturkonferenz die Bestrebungen von Verlagen und Autoren, ihre urheberrechtlich geschützten Werke online zu fairen und angemessenen Bedingungen für alle Beteiligten anzubieten. Das von den Verlagen gestartete Projekt „Volltextsuche online“ ist darauf angelegt, innerhalb von zwei Jahren einen Zugriff auf mehr als 100.000 deutschsprachige Bücher in hervorragender technischer Qualität zu bieten. Mittelfristig soll das Angebot mindestens 95 Prozent der derzeit lieferbaren eine Million deutschsprachiger Bücher enthalten. Der dezentrale Ansatz des Projekts gewährleistet, dass Privatleute ebenso wie Bibliotheken und sonstige Bildungs- und Forschungseinrichtungen online auf sämtliche Bücher zugreifen können, ohne dass Urheber die Kontrolle über die von ihnen geschaffenen Werke, und Verlage den Schutz ihrer Investitionen verlieren. Auch die Einbindung von kommerziellen Suchmaschinen ist ausdrücklich vorgesehen.
Die Deutsche Literaturkonferenz wendet sich ausdrücklich gegen alle, die deutschsprachige urheberrechtlich geschützte Bücher ohne Zustimmung der Urheber und ihrer Verlage digitalisieren und gesetzwidrig ganz oder teilweise online zugänglich machen. Die Deutsche Literaturkonferenz begrüßt ausdrücklich, dass die Bibliotheken im Rahmen des Projekts „i2010“ der Europäischen Union zum Aufbau einer europäischen digitalen Bibliothek mit der Digitalisierung und Aufbereitung ihrer Buchbestände beginnen, und dabei die rechtlichen Rahmenbedingungen beachten. Die Archivierung und Erschließung solcher Inhalte gehören zu den Aufgaben der Bibliotheken und können sich im Rahmen eines gemeinsamen Projekts ideal mit der Einbringung geschützter Werke durch die Rechteinhaber ergänzen. Urheber und Verlage werden gerne in enger Zusammenarbeit mit Bibliotheken und Kulturpolitikern das Projekt einer umfassenden digitalen Bibliothek auf europäischer und nationaler Ebene so fortsetzen, dass Respekt vor dem geistigen Eigentum und die Wahrung der damit verbundenen Rechte gewährleistet sind.

 

2006: „Was verboten ist, macht uns gerade scharf“ – Persönlichkeitsrecht oder Freiheit der Kunst?

SYMPOSION DER DEUTSCHEN LITERATURKONFERENZ
LEIPZIG, 18. MÄRZ 2006

Die Kunst ist frei, aber wie frei ist der Künstler? Seit Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst vor Gericht standen, lassen Autoren vor Erscheinen ihrer Romane neuerdings juristisch dahingehend prüfen, ob sie Klagen realer Personen befürchten müssen. Eine komplexe Frage. Denn welches Recht soll letztlich höher stehen: dasjenige einer Privatperson, die zum literarischen Material wird? Oder das der grundgesetzlich geschützten Kunst? Brisanter Stoff in historisch vermintem Gelände – für Autoren und Verleger, nicht zuletzt aber auch für Juristen in Zeiten medialer (Selbst-)Entblößung.

Karl-Heinz Ladeur
Private Zensur autobiographischer Romane?
Kritische Anmerkungen zu den Rechtskonflikten um die Romane Esra, Meere und andere

Joseph von Westphalen
Rücksicht auf Verluste

Podiumsdikussion:
Annett Gröschner, Antje Kunstmann, Karl-Heinz Ladeur, Ingo Schulze, Joseph von Westphalen, Juli Zeh – vorgestellt und moderiert von Frauke Meyer-Gosau

Vergangene Symposien von 1991 bis 2005

2005
„Der Autor hat niemand, der ihm schreibt“ Über das Verschwinden des Lektorats

2004
Literatur 4ever? Zukunftsaussichten eines alten Gewerbes

2003
Bibliotheken: Antworten auf die Bildungskrise

2002
Krieg und Literatur – Wahrnehmungszustände

2001
Digitale Authentizität: Autor – Werk – Medien

2000
Literatur und Generationen

1999
Literatur – Im Trend zum event?

1998
Die Geltung der Literatur

1997
Für immer jung? Literatur und Jugend

1996
Wie (vogel)frei ist der Autor?

1995
Geschichtsbilder – Geschichtserfahrung

1994
Von den Schwierigkeiten des Übersetzens

1993
Die Deutsche Literatur im dritten Einigungsjahr

1992
Wie wird man Schriftsteller? oder Ist Dichten lehrbar?

1991
Die berufliche und soziale Situation der Schriftsteller und die Existenzbedingungen der Literatur in den neuen Bundesländern
Die Redebeiträge finden Sie in den unter „Publikationen“ genannten Büchern und Zeitschriften

Sieben Göttinger Thesen der Deutschen Literaturkonferenz zu Literatur und Kultureller Bildung in der Bildungsreformdiskussion

September 2004

1.)
Sprachkompetenz, Lese- und Schreibfähigkeit sind Schlüsselqualifikationen. Sie ermöglichen das Verständnis der Welt und das Miteinander der Menschen. Selbst die scheinbar ganz auf technischer Logik und Mathematik aufbauenden Naturwissenschaften sind ohne Sprache nicht möglich. Die Begegnung mit Literatur als Kunst eröffnet den Reichtum sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten und vermittelt ein differenziertes Bild menschlichen Verhaltens und humaner wie ästhetischer Anschauungsweisen, das kritische Kompetenz und soziale Fähigkeiten erweitert.

2.)
Das Erlernen der Sprache und der mit ihrer Beherrschung verbundenen Kulturtechniken ist – zumindest in den sogenannten Industrieländern – immer mehr die Aufgabe meist staatlich verwalteter Bildungsinstitute – von den Kindergärten und Schulen bis hin zu den Hochschulen. Umso schwieriger die Rahmenbedingungen des Heranwachsens werden, desto deutlicher werden diese Einrichtungen in ihren begrenzten Möglichkeiten gefordert und auch überfordert. Eine ernsthafte Bildungsreform hätte aus diesem Grund zunächst einmal die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß der Bildungsauftrag überhaupt verantwortlich wahrgenommen werden kann. Dazu zählt, daß die Regeln für die deutsche Rechtschreibung wieder einheitlich und verbindlich gefaßt werden.

3.)
Außerschulische kulturelle Einrichtungen haben im Bereich der Sprachpflege zunehmend Aufgaben übernommen, die von den zuständigen Stellen allein nicht mehr bewältigt werden. Angebote der Schreib- und Leseförderung, der Vermittlung von Reflexionswissen oder der Begegnung mit Literatur begleiten und ergänzen zwar den eigentlichen (Aus-)Bildungsweg, sie liefern auch Anregungen für eine Verbesserung beispielsweise des Schulunterrichts. Aber sie können nicht der Verpflichtung entheben, daß die Vermittlung von Sprachkompetenz eine Aufgabe vorrangig des Elternhauses, der Kindergärten und der schulischen Bildung ist. Nur auf dem Gelingen dieses Bildungsprozesses kann ein vielfältiges kulturelles Leben aufbauen.

4.)
Damit die Ausbildungseinrichtungen ihre Aufgabe erfüllen können, sind sie nicht nur auf eine angemessene Ausstattung angewiesen, sie müssen auch in die Lage versetzt werden, Qualitätsansprüche zu entwickeln und ihre Einhaltung zu sichern. An den deutschen Schulen und Hochschulen müssen daher umgehend wieder klar definierte Leistungsmaßstäbe bei der Vermittlung von Sprachkompetenz eingeführt werden.

5.)
Die Qualität und die Qualitätssicherung von Angeboten außerschulischer Bildungs- einrichtungen müssen ebenfalls gewährleistet sein. Dazu gilt es, verbindliche, eindeutige und überprüfbare Qualitätskriterien zu formulieren. Dies betrifft die Schulung von sogenannten Vorlesepaten für das ehrenamtliche Engagement in Kindergärten ebenso wie die Vermittlung von Techniken literarischen Erzählens in einer Schreibwerkstatt.

6.)
Die Arbeit der bestehenden Bildungs- und Weiterbildungseinrichtungen – von den Schulen und Hochschulen über die Bibliotheken bis hin zu den Literaturhäusern – muß unverzüglich und nachhaltig gestärkt werden, statt sie immer mehr, bis hin zur billigenden Gefährdung ihrer Existenz, finanziell einzuschränken (siehe www.bibliothekssterben.de).

7.)
Die Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Bund und den Ländern in der Frage der Kulturhoheit dürfen nicht weiter auf dem Rücken der Betroffenen – seien es Lernende und Lehrende oder Bibliotheken, Archive und Museen – ausgetragen werden.

zu 1.
Drei Aspekte sind für den Bereich der Literatur – des schriftlich fixierten Textes – hervorzuheben:

  • Der Umgang mit Literatur, mit schriftlich fixierten Texten ist in vielerlei Hinsicht von grundlegender Bedeutung, so etwa: als Alltagshandlung, als Aneignung von Wissen, als schöpferischer Prozess, als kulturelles Erlebnis.
  • Auf welcher Ebene der Umgang mit Literatur auch immer erfolgt, er setzt Lesefähigkeit voraus.
  • Die ersten Weichen für eine Aneignung der Lesefähigkeit, d.h. für die literarische Sozialisation des Menschen, werden lange vor dem Lesenlernen, im Spracherwerb in Familie und Kindergarten gestellt. Hierbei ist keine Alltagssituation so ergiebig wie das Vorlesen und Erzählen.

Sprachfähigkeit, Lesekompetenz und Umgang mit Literatur/schriftlich fixierter Sprache gehören also zusammen und bedingen sich qualitativ gegenseitig, wobei Sprachfähigkeit undLesekompetenz als Schlüsselqualifikationen zu gelten haben. Eine umfassende und differenzierte Sprachfähigkeit und Lesekompetenz stellen zudem auch Schlüsselqualifikationen für schulischen und beruflichen Erfolg dar, für soziale Eingebundenheit und politische Teilhabe in demokratischen Gesellschaften sowie für die Teilhabe an der eigenen Kultur und die Annäherung an andere Kulturen.

Das Lesen von (belletristischer) Literatur ist aber nicht nur eine zweckmäßige Tätigkeit, es ist vor allem auch in sich selbst sinnvoll. Literatur ist in ihren unterschiedlichen Erscheinungen eine jahrtausendealte Ausdrucksform der Kunst. Literatur zu lesen, bedeutet somit immer auch Kunst zu erleben. Literatur vermittelt nicht zuletzt, daß es neben den im Alltag vorherrschenden (unmittelbar-sinnlichen und begrifflich-analytischen) Formen des Wirklichkeitszugangs auch eine ästhetische Welterfahrung gibt, die existenzielle Grundfragen des Menschen in einzigartiger Weise anspricht und zum Teil auch beantwortet. Möglicherweise eröffnet unter allen Künsten die Literatur den Menschen am ehesten Zugänge zur modernen Kunst. Insofern sind die Einbeziehung von Kinder- und Jugendliteratur in die schulische und außerschulische Pädagogik sowie entsprechende Angebote in der Erwachsenenbildung (z.B. Literaturgesprächskreise) schlechthin UNVERZICHTBARE Beiträge für eine kulturelle Bildung, die auf den heute immer noch gültigen abendländischen Begriffen von Kultur und Bildung beruht.

zu 2. und 3.
In beiden Bereichen (Sprachfähigkeit und Lesekompetenz) sind durch Untersuchungsergebnisse und Expertenaussagen (PISA etc.) in Deutschland erhebliche Defizite öffentlich geworden. Vor diesem Hintergrund muß die Förderung der Sprachentwicklung von Kindern und der Lesekompetenz bei Kindern und Jugendlichen vorrangiges Ziel der Grundbildung sein. Lesen braucht Förderung jedoch nicht nur um der Literatur willen, sondern, wie unter zu 1. ausgeführt, als Schlüsselqualifikation, die auch über Bildungsstand, Ausbildungsmöglichkeiten, Medienkompetenz und damit über gesellschaftliche Chancen entscheidet. Denn:

  • Lesen, Vorlesen und Erzählen fördert die Sprachentwicklung wie keine andere Medienaktivität.
  • Lesen als innerer Übersetzungsprozess ist eine unersetzliche Übung für das Denken.
  • Und nicht zuletzt hat Lesen auch eine starke emotionale Komponente. Insbesondere fiktionale Texte machen vielfältige Identifikationsangebote, lassen uns an den Erfahrungen und am Erleben anderer Menschen teilhaben und fordern uns heraus, andere Perspektiven einzunehmen. Textverstehen heißt hier gleichzeitig, eine Handlung aus der Sichtweise eines anderen wahrzunehmen. Verbunden mit der Konzentration und kognitiven Anstrengung, die der Lesevorgang dem Lesenden abverlangt, wird gleichzeitig eine größere innere Distanz als zum Beispiel beim Anschauen eines Filmes ermöglicht. Beides, die emotionale Beteiligung und die relative Distanz, sind für die persönliche und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zentrale und unersetzliche Prozesse.

Kulturelle Bildung im Feld der Literatur/Leseförderung bietet vielfältige Chancen. Hierbei ist zu beachten:

  • Kulturelle Bildung im Feld der Sprach- und Leseförderung hat früh anzusetzen. Sie reicht von der Frühförderung in Familie und Kindergarten, elementaren Angeboten im Grundschulalter bis zur Kulturellen Bildung für Kinder im Alter der Sekundarstufenjahrgänge – alles begleitet durch die Angebote der Öffentlichen Bibliotheken. Entsprechend groß ist auch der Stellenwert, der der Leseförderung als Basis der kulturellen Bildung von der Deutschen Literaturkonferenz beigemessen wird.
  • Kulturelle Bildung als Förderung der Sprachentwicklung besteht u.a. in der Elternbildung im Themenfeld Vorlesen, erste Bücher, in der Qualifizierung von Mitarbeitenden in Kindertagesstätten im Bereich Sprachförderung, Methoden zur Vorlesesituation, Kinderliteratur etc., in Angeboten der Bibliotheken für Kleinkind-Eltern-Gruppen, in der Qualifizierung von Mitarbeitenden in Bibliothek und Buchhandel für den Bereich „Erste Bücher“, Sprachspiel und Bilderbuch.
  • Kompetente und in der außerschulischen Leseförderung erfahrene Arbeitspartner wie Öffentliche Bibliotheken in kommunaler und kirchlicher Trägerschaft, die Friedrich-Bödecker-Kreise, Autorenverbände, Verbände der Übersetzer/-innen und Lektorinnen/ Lektoren, die Stiftung Lesen und vielfältige Literaturvermittlungseinrichtungen sowie Einrichtungen der Jugendbildung und der Jugendhilfe stehen als Kooperationspartner mit Ressourcen und Knowhow zur Verfügung.

Für die einzelnen Entwicklungsphasen und die sie vorrangig gestaltenden Einrichtungen ergeben sich daraus folgende Schwerpunkte:

In Kindertagesstätten stehen Fragen der Bildung von Sprachentwicklung im Vordergrund. Sprachförderung erscheint durch Reflexion der Kinder von Gehörtem im Rahmen der Leseförderung in Vorlesezeiten möglich. Die Kinder können zuhören und lernen, ihre Gedanken auszusprechen. Hier können Stiftung Lesen und Öffentliche Bibliotheken einen wesentlichen Beitrag leisten.

In Schulen können vorrangig fächerübergreifende, thematische Projekte, themenzentrierte Bücher, die sich mit typischen, aber auch weniger typischen Problemen und Konflikten von Kindern und Jugendlichen befassen, die Zusammenarbeit mit Tageszeitungen, regionalkundliche Literatur und Leseförderung angeboten werden. Die Schaffung eines kulturellen Klimas an Schulen in der „Wissens“-gesellschaft unserer Zeit ist nötig und kann durch kulturelle Bildung unterstützt werden. Hierzu gehört auch, Jugendlichen die Kompetenz zu vermitteln, aus dem Wissen, das ihnen über eine Vielzahl von Medien – Zeitung, Zeitschrift, Radio, Fernsehen, Internet – geboten wird, die für sie wichtigen Informationen zu filtern. Das heißt zu lernen, Texte inhaltlich zu erfassen, auf Kernaussagen zu reduzieren, diese zu formulieren – schriftlich oder mündlich – und für die Klärung selbst oder von außen gesetzter Fragestellungen zu nutzen. Ein solches Vorgehen erfordert auf die Lesekompetenz aufbauende cognitive und sprachliche Kompetenzen im Umgang mit Texten, die umso notwendiger werden, je mehr Wissen immer unüberschaubarer über immer mehr Medien verbreitet wird. Neben Autorinnen/Autoren können hier „Textarbeiter/-innen“ im weitesten Sinne, also z.B. Übersetzer/-innen, Journalisten oder Lektorinnen/Lektoren, letztere als sozusagen „kritische Erstleser qua Beruf“, in Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen unterschiedlichster Art einen wichtigen Beitrag leisten. Der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren wäre für ein solches Projekt z.B. ein Ansprechpartner.

Der reguläre Deutschunterricht kann die wichtige und durch verschiedene gesellschaftliche Faktoren immer schwierigere Aufgabe des „Leser Auf- und Erziehens“ allein nicht mehr bewältigen. Es gibt jedoch sowohl für das Grundschulalter wie für Jugendliche bereits ausgearbeitete Konzepte und vielfältige Aktivitäten zur Leseförderung außerhalb des Deutschunterrichts. Gerade im Rahmen von Ganztagsschulangeboten durch kompetente Arbeitspartner im Feld der Literatur lassen sich positive Effekte leicht erzielen, da hier das emotional spielerische Element selbstverständlicher als im Unterricht miteinbezogen werden kann. Freiwilligkeit, Kreativität, lustbetonter Umgang mit Texten und Büchern ohne Bewertung der Ergebnisse können im Vordergrund stehen. Die Lese(r)forschung lehrt uns, daß Kinder dann zu Lesern werden, wenn sie in lesefreundlicher Umgebung aufwachsen, wenn das Lesen gruppen- und kommunikationstauglich ist. Gegenseitiges Vorstellen von Lieblingsbüchern und Zeitschriften, Auswählen von Jugendliteratur nach eigenen Kriterien und andere Methoden sind wichtig, um in den Lerneinheiten der kulturellen Bildung Situationen zu schaffen, in denen motivierende Leseerfahrungen gemacht werden können. Autorenbegegnung/Autorinnenlesungen sind – gut vorbereitet – besonders geeignet, Literatur lebendig werden zu lassen. Gerade im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur lassen Autoren den Funken überspringen, bieten literarische Erfahrungen aus erster Hand besonders für Nichtleser und die Kinder, die in der Familie keine Angebote literarischer Art erhalten. Ebenso läßt sich die Projektzeit fächerübergreifend nutzen, Leseförderung könnte hier Geschichte, Heimat- und Erdkunde etc. miteinbeziehen. In Bibliotheken können in spielerischer Weise Grundlagen und Methoden der Literatur und Informationsrecherche erarbeitet werden.

Über den Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Stiftung Lesen können Wettbewerbe und eine bestimmte Auswahl von Büchern, auch als regelmäßiges Angebot, unterstützt durch die Bibliotheken, insbesondere am „Welttag des Buches“, angeboten werden. Bücher in fremden Sprachen können zur Entwicklung des Verstehens einer Fremdsprache, insbesondere in Grenzgebieten, beitragen. Hier wäre denkbar, daß der Verband Deutscher Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke Angebote unterbreitet – auch zum Thema des literarischen Übersetzens selbst, um die Schüler für unterschiedliche Qualitäten von Sprache zu sensibilisieren. Bücher und Themen können auf diese Weise popularisiert werden. Es kann mit Kindern und Jugendlichen in Schreibwerkstätten gearbeitet, Praktika für berufliche Bildung können in Literaturhäusern, Literaturarchiven, Bibliotheken ermöglicht werden. In „Stammschulen“ könnten entsprechende Traditionen dazu entwickelt werden.

zu 4. und 5.
Grundlage einer erfolgreichen Ausbildung in Schulen, und dies gilt auch für den Bereich der Sprach- und Leseförderung, ist die Schaffung von bildungsfreundlichen Arbeits- und Unterrichtsbedingungen in diesen Einrichtungen. Hierzu gehören die ausreichende personelle Ausstattung und eine kontinuierliche Weiterbildung der Lehrenden ebenso wie beispielsweise die Förderung von unterstützenden Angeboten für das familiäre Umfeld der Kinder und Jugendlichen. Vor allem dürfen die enormen Schwierigkeiten, mit denen die Erfüllung des schulischen Bildungsauftrags heute konfrontiert ist, nicht dazu führen, daß Ausbildungsziele und Qualitätsmaßstäbe stetig nach unten angeglichen werden. Vielmehr müssen die Bedingungen dafür geschaffen werden, daß Schüler, je nach ihren Möglichkeiten und Interessen, Leistungskriterien erfüllen können. Dies ist die Hausaufgabe, die zunächst von der Schulpolitik zu erledigen ist. Erst wenn von dieser Seite entsprechende bildungspolitische Maßnahmen ergriffen werden, kann auch die Zusammenarbeit mit außerschulischen Trägern literarischer Bildungsangebote langfristigen Erfolg versprechen.

Um diese Zusammenarbeit bei der Sprachförderung und literarischen Bildung in der Schule, insbesondere in Ganztagsschulen, mit Leben zu erfüllen, müssen Rahmenvereinbarungen ausgehandelt werden. Dazu gehören auch gemeinsam entwickelte Fortbildungsangebote (denkbar wäre Grundwissen der Entwicklungspsychologie im Kinder- und Jugendalter, Pädagogik und Methodik, Jugendschutz, Umgang mit verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen). Für Autoren, die regelmäßig in Schulprojekten arbeiten, wäre die Konzipierung eines Grundkurses denkbar. Des Weiteren müssen Honorare ausgehandelt werden, die der Aufgabe und der Kompetenz der Autoren sowie dem Zeitaufwand entsprechen. Eine Abstimmung mit den zuständigen Kulturämtern ist denkbar.

Die Entwicklungspotentiale der lese- und literaturfördernden Bildung sind groß. Vorrangig sind Rahmenbedingungen, die anregend und förderlich für die Kooperation auf lokaler und regionaler Ebene sind. Trägerübergreifende Fortbildungsangebote und verbindliche Standards dienen der Qualitätssicherung.

zu 6.
Die Einrichtungen der Literaturvermittlung – je nach Bundesland Literaturräte, -büros, -häuser, Schriftstellerverbände oder der Friedrich-Bödecker-Kreis – bieten nach Maßgabe ihrer personellen und finanziellen Ressourcen und der inhaltlichen Schwerpunkte ihrer Arbeit Projekte zur Literatur- und Leseförderung wie zur Förderung des literarischen Schreibens für Bildungseinrichtungen an, vor allem für Schulen, bisweilen auch Hochschulen oder Volkshochschulen. Zum Bestand dieser Förderarbeit gehören, um nur die gängigsten Formen zu nennen, Lesungen mit geeigneten Autoren und thematische Reihen mit Beteiligung von Autoren in und außerhalb der Bildungseinrichtungen, Werkstattgespräche mit Autoren, kooperative Projekte, die den Entstehungsprozeß literarischer Werke oder den Weg vom Manuskript zum Buch aufbereiten, Schreib- und Textwerkstätten von unterschiedlichster Provenienz.

Dieser Förderbeitrag von Einrichtungen der Literaturvermittlung zur „kulturellen Bildung“ bedarf

  • der Absicherung, denn er ist in seinem Bestand akut durch den Rückgang von Fördermitteln bedroht;
  • der Strukturierung und Vernetzung, denn die Angebote sind meist von regionaler Reichweite und in ihrem Bestand stark vom individuellen Engagement einzelner in den Institutionen abhängig;
  • eines qualitätssichernden Hintergrunds, denn gerade im Bereich der Schreib- und Leseförderung gibt es neben vielen hochwertigen Angeboten auch eine Reihe ‚bloß gutgemeinter‘.

Der Beitrag der Literaturvermittler kann allerdings keinesfalls den Literatur- und Deutschunterricht an Bildungsinstitutionen ersetzen, sondern lediglich das Angebot von Schulen, Hochschulen und Volkshochschulen ergänzen und bereichern, um die Auseinandersetzung mit Literatur als Medium der Verständigung über die Welt zu fördern. Endlich müssen Konsequenzen aus der Einsicht gezogen werden, daß die Entwicklung unserer Kultur auf den Erfolg der schulischen Ausbildung angewiesen ist, daß aber die schulische Bildung ihrerseits immer dringlicher der Unterstützung durch ein funktionierendes Netz außerschulischer kultureller Angebote bedarf.