Preisträger 2006 der Karl-Preusker-Medaille |
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Dankworte zur Verleihung der Karl Preusker-Medaille am 24. Oktober 2006
Es war, ich gestehe es, eine Überraschung, für langjähriges, aber auch lange zurückliegendes Wirken mit der Karl Preusker-Medaille von der Deutschen Literaturkonferenz ausgezeichnet zu werden. Es war mein Wunsch, diese Auszeichnung an dem Ort entgegennehmen zu dürfen, an dem meine bibliothekarische Tätigkeit als Vertreter des Hausmeisters vor 60 Jahren im Sommer 1946 begann, - in der Landesbibliothek Oldenburg. Dies ist eine Gelegenheit, über den Mann zu sprechen, der mir meine bibliothekarische Laufbahn eröffnete und der sie entscheidend geprägt hat. Ich möchte in dieser festlichen Stunde an Dr. Wolfgang G. Fischer erinnern, den langjährigen Direktor dieses Hauses. Als ich ihn im Mai 1946 kennen lernte, wusste ich nicht, dass sein beruflicher Lebensweg so verlaufen war, wie er ihn wohl bald für mich vor Augen hatte. Er war in der sächsischen Kunstmetropole Dresden aufgewachsen, die seinen Kunstsinn und seinen ästhetischen Anspruch geprägt hat. Da sein Vater früh verstorben war, konnte er nicht studieren. So wurde der Zwanzigjährige 1925 als Volontär am Deutschen Museum für Buch und Schrift in der Deutschen Bücherei Leipzig von dem damals sehr bekannten Buchhistoriker Albert Schramm aufgenommen. Dieser hatte zehn Jahre zuvor die Bibliotheksschule für den mittleren d. h. den späteren gehobenen Dienst gegründet. Dort machte der junge Fischer 1927 das Examen und wurde Bibliothekssekretär an der Leipziger Stadtbibliothek, die - im letzten Krieg vernichtet - eine der schönsten und reichsten in Deutschland war. Dort ermöglichte man ihm nebenher das Studium der Kunstgeschichte, das er mit dem Bibliotheksexamen und der Promotion über ein buchgeschichtliches Thema Die Blütezeit der Einbandkunst. Studien über den Stil des 15. bis 18. Jahrhunderts 1937 abschloss. Unter der Ägide seines Direktors Johannes Hofmann, der Fischer so wie dieser mich geprägt hat, entwickelte er sich, angeregt auch durch die hervorragenden historischen Bücherschätze, zu einem großen Kenner der Buch- und speziell der Einbandgeschichte. So verkörperte er die Vorstellung von einem wissenschaftlichen Bibliothekar, die längst Geschichte geworden ist. Im Kriege war Dr. Fischer Soldat gewesen und arbeitete nach der Entlassung aus der Gefangenschaft zunächst einige Monate in der Marienbibliothek Jever, ehe er m Mai 1946 an die Landesbibliothek nach Oldenburg kam. Da er seinen Arbeitsplatz in Leipzig verloren hatte, war er in seine Heimat nicht zurückgekehrt. Er war damals 41 Jahre alt, ein schlanker, hoch aufgeschossener Mann mit einem markanten Gesicht mit einigen Brandmalen, die es interessant machte, hoher Stirn, zurückgekämmtem Haar, blauen Augen und einem sicheren Auftreten, manche hielten ihn für hochmütig, da er außerordentlich redegewandt auftrat und sich durch einen scharfen Verstand auszeichnete. Ich habe ihn als hilfsbereiten, verständnisvollen Chef erlebt, dem ich die Freude an meinem bibliothekarischen Beruf verdanke, denn er verband die Liebe zu den alten und neuen Büchern mit seiner sozialen Einstellung: sein Lebensziel war es, den Menschen durch Förderung der Bildung zu helfen. Er verstand die Bibliothek als Bildungseinrichtung. Die Oldenburger Landesbibliothek war am 23. September 1943 durch eine Luftmine schwer beschädigt worden und musste geräumt werden, was ich übrigens als Flakhelfer sogar miterlebt habe. Als mich Dr. Fischer bzw. der Staatsarchivdirektor Dr. Hermann Lübbing als kommissarischer Leiter zum 1. Juni 1946 als unbezahlten Praktikanten aufnahm, befand sich die Bibliotheksverwaltung, die Ausleihe und das Magazin der wieder aufgestellten Bücher im Dachgeschoss des Schlosses in einem Notquartier. Dr. Fischer, der nach und nach die Leitung der Bibliothek übernahm, aber erst 1949 offiziell zum Direktor ernannt wurde, sah als Neuer sofort, was zu tun war. Er stellte über das Ministerium des noch bestehenden Landes Oldenburg Kontakte zur englischen Militärregierung her, und es gelang ihm im Herbst 1946 - also ein gutes Jahr nach Beendigung des Krieges - das leer stehende Zeughaus an der Ofener Straße als neues Bibliotheksgebäude in die Hand zu bekommen. So erfolgte sofort der Umzug, für den Dr. Fischer die nötigen Fahrzeuge und Hilfskräfte über das Arbeitsamt besorgt hatte. Ich war damals, inzwischen Beamtenanwärter für den gehobenen Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken, an dem Umzug beteiligt und beaufsichtigte die Räumung der verschiedenen Auslagerungsorte. Es war, wie wir erst nachträglich realisierten, ein wahres Husarenstück in diesen unklaren Verhältnissen, das Dr. Fischer zu verdanken war. In den nächsten Jahren hat der neue Chef die zerstörte Infrastruktur wiederhergestellt, die Bibliotheksverwaltung aufgebaut, für einen regelmäßigen Haushalt gesorgt, die notwendigen Personalstellen geschaffen, neue Bücher angeschafft, die Neuaufstellung der noch unsignierten alten Bestände betrieben und der Landesbibliothek ein neues Gesicht in dem stabilen Gebäude gegeben. In den ersten Nachkriegsjahren war die Bibliothek von 8 - 22 Uhr geöffnet, der Lesesaals als "Wärmestube für geistige Arbeiter" eingerichtet, denn der Mangel war groß. Dr. Fischer hatte sich vorgenommen, seine wissenschaftlichen Arbeiten wieder aufzunehmen, er war fasziniert von den Barockskulpturen Ludwig Münstermann, aber das geplante Buch kam bei der Vielzahl seiner Verpflichtungen nicht zustande. Er sah seine Hauptaufgabe in dem Bemühen, die Bildungseinrichtungen zu fördern. So baute er die Volkshochschule seit 1946 auf, hielt selbst Kurse über die Geschichte der modernen Kunst, in denen ich übrigens viel gelernt habe und widmete sich dem Neuaufbau der Staatlichen Fachstelle für das öffentliche Büchereiwesen, dessen Leitung er übernahm. So hat sich Dr. Fischer über das Amt des Bibliotheksdirektors der Landesbibliothek Oldenburg hinaus große Verdienste um die Fort- und Weiterbildung im Oldenburger Land erworben. Im Herbst 1968 ging Dr. Fischer in Pension, gerade in den Monaten, in denen ich die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel übernahm, nachdem ich zehn Jahre die Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar aufgebaut hatte. Fünf Jahre später starb er nach einer schweren Krankheit, ich habe an seinem Sarg damals die Gedenkrede gehalten. Ich hatte meinen Lehrer verloren, der mir meinen beruflichen Werdegang über die Ausbildung und das Studium ermöglicht und ihn über Jahre mit Rat und Tat begleitet hatte. An ihn heute, am Tag der Bibliotheken, zu erinnern, lag mir am Herzen. Nun werden Sie fragen, was ich denn eigentlich Dr. Fischer verdanke. Nun, er sorgte dafür, dass in der Landesbibliothek ausgebildet werden konnte, denn damals gab es noch eine verwaltungsinterne Ausbildung. Die entsprechende Verordnung wurde im September 1946 erlassen, gewissermaßen eine Lex Raabe. Gern erzähle ich auch, dass ich noch auf die oldenburgische Verfassung am 1. Oktober vereidigt wurde. Die praktische Ausbildung bestand darin, dass ich mir die Arbeitsgänge in einer wissenschaftlichen Bibliothek selbst aneignete. Dr. Fischer gab mir am ersten Arbeitstag zwei Bücher in die Hand: die Preußischen Instruktionen und Georg Schneiders Einführung in die Bibliographie. Sie wurden mein entscheidendes Rüstzeug: Ich lernte so autodidaktisch das Regelwerk, nach dem ein Buch zu katalogisieren war. Es ist im elektronischen Zeitalter nur noch bedingt brauchbar. Und das Bibliographieren habe ich so verinnerlicht, dass es für mich immer noch ein Herzstück des bibliothekarischen Berufes darstellt. Ein drittes Werk empfahl mir Dr. Fischer etwas später; Hermann Barges Geschichte der Buchdruckerkunst. So lernte ich die Welt der Bücher aus der Anschauung und der historischen Darstellung kennen. Der praktischen Ausbildung folgte ein theoretisches Jahr an der Bibliotheksschule in Hamburg. Nach dem Examen wurde ich 1949 als Diplombibliothekar angestellt und war ein Mädchen für alles. Die größte Befriedigung brachte die Tätigkeit in der Ausleihe, dort konnte ich die Leser manchmal beraten und Auskünfte geben. Ich pflegte dann immer im Laufschritt ins Magazin zu rennen und die gesuchten Bücher umgehend heranzuschaffen. Der Höhepunkt dieser Bücherjagden war das Suchen eines bestimmten Buches in den Haufen der noch nicht wieder aufgestellten Bücher, die samt und sonders noch keine Individualsignaturen hatten. An die nicht gerade häufigen Erfolge erinnere ich mich gern. "Auspunkten" nannten wir die Arbeit im Magazin. In den Bänden der Realkataloge waren inzwischen die eingetragenen Bücher durchnumeriert worden, und nun mussten wir die unsignierten Bücher den Eintragungen zuordnen. Ich habe das mühselige Geschäft immer als Sport empfunden. So habe ich mir eine große Bücherkenntnis aneignen können. Nach drei Jahren erklärte mir meine verehrte Freundin, was ich mir zu Herzen nahm: "Herr Raabe, Sie müssen studieren". Dr. Fischer machte das Unmögliche möglich. In den ersten drei Semestern pendelte ich zwischen Oldenburg und Hamburg, an vier Tagen machte ich täglich 12 Stunden Dienst in der Bibliothek und gewann so zwei Studientage in Hamburg. Außerdem hatte ich den Sonntag zur Vorbereitung. Da mein Chef selbst auf diese Weise vorangekommen war, gab er mir diese ungewöhnliche Chance. Sie endete damit, dass ich bei den germanistischen Professoren in Hamburg Verdienstmöglichkeiten fand und so 1954 meine Stellung als Diplombibliothekar an der Landesbibliothek aufgeben konnte. Ich tat es nicht leichten Herzens, denn die Landesbibliothek war mein Leben geworden. Mit Dr. Fischer blieb ich bis zum Ende seines Lebens freundschaftlich verbunden. Er war mein Mentor, und jetzt werden Sie verstehen, weshalb ich an ihn erinnern wollte. Seit 1987 befindet sich die Landesbibliothek in diesem so nobel restaurierten Hause, das ich für eines der schönsten Bibliotheksgebäude halte. Dr. Fischers Zeughaus hat längst eine andere Verwendung gefunden. Herzlich bedanke ich mich für die schöne Auszeichnung, und ich danke dafür den anwesenden Vertretern der Deutschen Literaturkonferenz, ich bedanke mich bei meinem treuen Kollegen Georg Ruppelt für seine Laudatio und nicht zuletzt bei der Landesbibliothek, die übrigens mein Arbeitsarchiv nach meinem Tode übernehmen wird. Oldenburg ist meine bibliothekarische Heimat. Paul Raabe |