Preisträger 2005 der Karl-Preusker-Medaille

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Laudatio für Prof. Birgit Dankert
zur Verleihung der Karl-Preusker-Medaille


Jochen Missfeldt

Laudatio für Prof. Birgit Dankert zur Verleihung der Karl-Preusker-Medaille am 24. Oktober 2005 im Literaturhaus Hamburg.

Unsere Birgit liest noch beim Lesen.

Liebe Birgit Dankert, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Als Birgit Dankert im Jahre 1971 mit ihrem Mann nach Flensburg zog, um als Lektorin im Zentrallektorat der Büchereizentrale in Flensburg zu arbeiten, hatte sie ihre Ausbildung gerade beendet. Als Siebenundzwanzigjährige blickte sie zurück auf das Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Münster und Tübingen. Die Ausbildung zur Diplombibliothekarin hatte sie an der gerade installierten Fachhochschule in Hamburg abgeschlossen, übrigens zusammen mit ihrem Mann, den sie schon seit Schulzeiten kannte, mit dem sie auch das Studium zusammen absolvierte, und der stets eine Klasse höher oder ein Semester weiter war. Damit, so Birgit Dankert wörtlich und mit dem ihr eigenen, fröhlichen Lachen, sei "die Emanzipationsfrage ein für allemal gelöst gewesen".

Birgit Dankert betreute als Lektorin beim damaligen Deutschen Grenzverein das ländliche Büchereiwesen in einer Region, in der auch meine Romane und viele meiner Geschichten beheimatet sind. Ein schöner, zufälliger Zusammenhang. Damals haben wir uns noch nicht gekannt. Damals hatte ich noch keine Geschichten und Romane geschrieben, nur ein paar Gedichte. Damals erzählte man sich eine Geschichte vom Landrat, der irgendwo zwischen Flensburg und Schleswig eine öffentliche Bücherei im neu erbauten Rathaus einweihen sollte. Angekommen in der kleinen Stadt, nennen wir sie Solsbüll, ließ er seinen Fahrer halten, um den ersten besten Solsbüller nach dem Weg zu fragen. Er kurbelte die Scheibe der Beifahrertür herunter und fragte: "Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wie ich zum Rathaus komme? Ich werde heute die neue Bücherei einweihen." Der gute Mann antwortete auf Plattdeutsch: "Du musst erstmal fiefhundert Meter geradeut; denn musst du links, denn wedder rechts, und denn bist du dor." Der Landrat verstand und sagte: "Ja kennen Sie mich denn gar nicht, ich bin doch der Landrat." Der gute Mann antwortete: "Uk wenn du de Landrat bist, du musst erstmol fiefhundert Meter geradeut, denn musst du links, denn wedder rechts, und denn bist du dor."

Sei es für den von Amts wegen Autorisierten, sei es für den selbsternannten Privilegierten, sei es für Otto Normalverbraucher, der Weg in die öffentliche Bücherei ist für jeden derselbe. In der Bücherei ist jeder vor den Büchern gleich. Bibliotheken für alle. Das war nicht immer so.

Wenn Birgit Dankert heute mit der Karl-Preusker-Medaille geehrt wird, dann gedenken wir selbstverständlich auch des Mannes Karl-Benjamin Preusker, des Pioniers der Volksbüchereibewegung, des Gründers der ersten deutschen Bürgerbibliothek am 24. Oktober 1828 im sächsischen Großenhain, das damals noch Hain hieß. Das war auf den Tag genau vor 177 Jahren, Goethe lebte übrigens einhundertsechzig Kilometer Luftlinie westlich von Großenhain in Weimar, und Deutschland hinkte im internationalen Vergleich hinterher. In Frankreich war die erste öffentliche Bibliothek 1645, in England schon 1602 gegründet worden. Und, man höre und staune: Im Jahre 1004 gründete Kalif Hakim von Kairo das "Haus der Wissenschaft" und überließ seinem Volk eine bedeutende Sammlung von Manuskripten mit folgender Aufforderung: "Jedermann soll kommen, um zu lesen, abzuschreiben und sich zu bilden."

Der Mann gefällt mir. Und Preusker gefällt mir auch. Zugeben muss ich jedoch, dass ich ihn erst kennen lernen konnte, nachdem Iris Mai von der Deutschen Literaturkonferenz mich bat, heute Abend, anlässlich der Feier für Birgit Dankert, ein paar Worte zu sprechen. Ich tue das sehr gern und möchte der Deutschen Literaturkonferenz, dem guten und inspirierenden Geist, herzlich für diese ehrenvolle Aufgabe danken.

Wer war Karl-Benjamin Preusker?

In meinem neu beschafften Zeit-Lexikon fand ich ihn nicht. Auch der Brockhaus meldete Fehlanzeige. Im Internet aber gab die Firma Google über ihn Auskunft. Auch über Großenhain, und Großenhain sagte mir etwas. Diese kleine Stadt war mir ein Begriff aus den friedlichen Zeiten des kalten Krieges. Als Flieger bei der Luftwaffe wusste ich, dass in Großenhain ein sowjetisches Jagdbomberregiment stationiert war. Ich wusste über den Flugplatz Bescheid, wie lang und breit die Startbahn war und in welcher Richtung sie verlief, ich wusste, wie viele Flugzeuge zum Regiment gehörten und welche Typen das waren. Von Karl-Benjamin Preusker und seiner Bücherei hatte ich absolut keine Ahnung. Birgit Dankert aber, damals beschäftigt mit ihrer Lektorinnen-Arbeit eine halbe Autostunde entfernt von meinem Einsatzflughafen, wird Preusker gekannt haben. Sie war ja vom Fach. Ob sie aber auch das wusste, was ich damals wusste, das weiß ich nicht.

Und nun kenne ich Preusker auch. Als besonders interessant, irgendwie auch beruhigend für mich, empfinde ich, dass er elf Jahre lang, von 1813 bis 1824, Soldat war und während seiner Militärzeit auch noch Zeit fand, sich umfassend und intensiv zu bilden.

Das soll ihm einer mal nachmachen! Elf Jahre beim Militär, und dann noch etwas Anständiges gelernt haben.

Er hörte Vorlesungen an der Leipziger Universität. Sein Interesse galt den Büchern und dem Lesen. Er schrieb Artikel für den Brockhaus. Der Mann war zielstrebig und zäh und wusste, was er wollte. Er hatte Leidenschaft und Begeisterung. Im Jahre 1824, nach seiner ehrenvollen Entlassung aus dem Militärdienst, wurde er Rentamtmann in Großenhain und war in der Stadtverwaltung zuständig für Kassenführung, Zinsberechnung und für die Überwachung des Straßenbaus. Preusker muss also auch ein Mann der Disziplin und Dauer, der Sorgfalt und Solidität gewesen sein.

Den Bogen von Karl Preusker zu Birgit Dankert kann ich schnell und problemlos schlagen. Wer wissen will, wer Karl Preusker war, muss nur wissen, wer Birgit Dankert ist. Auch ihre Leidenschaft gehört den Büchern und dem Lesen. Diese Leidenschaft konnte sie zu ihrem Beruf machen. Und aus dieser Leidenschaft stammt die Begeisterung für den Beruf.

Die ausschließlich wissenschaftlich-politische Beschäftigung mit Literatur und Kunst im Umfeld der 68-Bewegung - Birgit Dankert ist ja auch eine (in Anführungsstrichen) "Achtundsechzigerin" -, das hielt sie nicht für eine lohnende Aufgabe. Diesen Standpunkt vertritt sie auch heute noch. Wie kann man Literatur und Kunst verbinden mit gesellschaftlicher Wirkung? Auf diese Frage wollte sie die eigene Antwort. Und auf diese Frage hat auch Preusker die ihm eigene Antwort gefunden. "Lehrer wollten wir nicht werden", das sagte Birgit Dankert mir im Gespräch, und mit "wir" hat sie sich selber und ihren Mann gemeint. So führte ihr Lebens- und Berufsweg in den Bibliotheksdienst, und sie wurde, was sie schon als kleines Mädchen war und bis jetzt geblieben ist: ein Büchermensch.

Auch sie zeichnet aus, was Preusker auszeichnete: Das Zielstrebige, Gründliche, Solide, und die Zähigkeit, all das zu pflegen, zu bewahren und als Werkzeug zu gebrauchen. Sie selber hält sich für "manchmal unbequem". Ich sehe das anders: Ihre Geradheit und Offenheit, ihr Wesen, den Kopf oben zu halten und das Rückgrat nicht zu verbiegen, das könnte irritieren und als "manchmal unbequem" gelten. Bei Birgit Dankert kommt noch etwas hinzu: Das Lachen und die Fröhlichkeit. Ob Karl Preusker ein fröhlicher Mensch war, der auch gern lachte, das weiß ich nicht. Lachen hätte ihm aber gut zu Gesicht gestanden. Auf dem Faltblatt mit Preuskers biographischer Agenda sieht man ein Gesicht mit sehr großen Augen und mit einem lächelnden Mund.

Ich kann und will auf Birgit Dankerts Verdienste um das Öffentliche Bibliothekswesen in Deutschland nicht näher eingehen. Das ist ja auch nicht meine eigentliche Aufgabe. Darüber wissen Vorgesetzte, Kollegen, Wegbegleiter mehr als ich. Die Verleihungsurkunde und die Medaille sind sichtbarer Ausdruck ihrer Leistung und berichten, schwarz auf weiß und auf den zwei Seiten der Medaille. Die Urkunde beschreibt Birgit Dankerts Flensburger Zeit, die Zeit danach als Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und gibt weiter Auskunft über das, was nebenher und ehrenamtlich lief. Beispielsweise die Mitarbeit in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Bibliothekswesen" zur Integration des deutsch-deutschen Bibliothekswesens. Eine Milliarde DM habe dieser Integrationsprozess gekostet, schätzt Birgit Dankert.

Nicht mehr?

Das habe ich mich gefragt, weil ich an andere Summen denken musste, die im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung genannt worden sind.

Die Mitarbeit in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die Zeit von 1990-1992, ist ein bewegender, spannender und auch von menschlichen Enttäuschungen begleiteter Abschnitt ihres Berufslebens gewesen. In diese Zeit und in die Zeit vor 1990 blickt sie heute selbstkritisch und nicht ohne Vorwürfe an die eigene Adresse zurück: Auch sie habe in ihrem ureigenen Fach nicht immer gesehen und erkannt, wie es wirklich gewesen sei.

Dass Birgit Dankert ein sechsunddreißig jähriges Berufsleben ohne das wohl bekannte "Karriere-Denken" gelebt hat und nun, fast am Ende, auf eine eindrucksvolle Lebensleistung zurückblicken kann, hat sie nur sich selbst zu verdanken.

Ist das wirklich so?

Wer Beruf, Ehrenamt und privates Mäzenatentum so bündeln und in sein Leben rücken kann, der muss ein starkes Empfinden für eigenes Denken und Handeln, Tun und Lassen haben, und für kritische Selbstbeobachtung.

Nehmen wir zum Beispiel die "Sammlung Birgit Dankert", eine der vollständigsten Privatsammlungen zum Thema Deutsche Kinder- und Jugendliteratur von 1945 bis heute. Sie umfasst etwa 2000 Bände Fachliteratur und zusätzlich die einzige außerhalb des Verlages existierende vollständige Taschenbuchreihe dtv-junior mit 2100 Bänden. Diese Sammlung hat Birgit Dankert vor knapp einem Jahr der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover übergeben, in der Waterloo-Straße - Wahrlich ein unpassender Straßenname zu so einem Akt der Großzügigkeit!

Was steckt dahinter? Was steckt hinter Birgit Dankerts Lebensleistung? Gibt es ein Geheimnis, einen Grund?

Als ich sie vor ein paar Wochen besuchte und wir über Gott und die Welt sprachen, sprachen wir auch über ihre Kindheit. Über dieser Kindheit, so glaube ich, steht ein bedeutender Satz, ein Satz aus dem Munde ihrer Mutter, der zum geflügelten Wort der Familie wurde: "Unsere Birgit liest noch beim Lesen." Ein wunderbarer Satz. Der gehört in die Bücher und in die Bibliotheken. Ich habe ihn deswegen auch meinem Redetext als Überschrift voran gestellt: Unsere Birgit liest noch beim Lesen.

Wie bringt man Kinder zum Lesen? Diese Frage, die mit dem Stichwort "Pisa" so aktuell geworden ist, war keine Frage für Birgit Dankerts Mutter. Auch nicht für den Vater. Es gab Bücher im Haus. Die geliebten Eltern lasen selber und lasen Tochter und Sohn vor. Die Mutter sei mehr für Roman, Kinderbuch und Unterhaltung, der Vater mehr für Sachbuch und Weiterbildung zuständig gewesen. Das Vorbild "Lesen" kam also von beiden Elternseiten und von oben herab aus den Bücherregalen. Lesen - das war kein Thema, das theoretisch diskutiert und befragt werden musste. Man nahm schlicht und einfach ein Buch in die Hand und las, getreu dem Wort, das der heilige Augustinus überliefert hat: "Nimm und lies." Das Lesen gehörte zum Familienleben wie die Mahlzeiten zum Alltag. Auf Kinderfragen antworteten nicht nur die Eltern, sondern auch die Bücher. Und die Menschen und Tiere in den Büchern, Stadt, Land, Fluss, waren immer gegenwärtig, lebten in der Familie mit, in Haus und Garten und wo sonst noch überall.

Kinder lesen zuerst laut, nachdem sie jahrelang zugehört haben. Schon im Bauch der Mutter hört das Kind mit. Es hört heraus, ob Frust oder Lust oder dicke Luft in der Familienstimmung liegen. Erst wenn das Kind mit der Sprache Kontakt gehabt hat, kann es selber sprechen lernen. Dann lesen lernen. Zuerst laut. Nicht nur, weil Eltern und Lehrer dann zuhören und verbessern können, sondern vor allem deswegen, weil das Kind das Vorlesen nachahmt und sich selber sprechen hören will. Je früher die Geschichten erhört werden, desto wirkungsvoller formt sich eine Perspektive für das Leben. Die Geschichten geben der Zukunft eine Form. Ohne Form keine Zukunft.

Als unsere Vor-Vorfahren im Orient die Schrift erfanden - Orient ist die etymologische Wurzel für "Orientierung" -, da haben sie nicht still, sondern laut gelesen. Stilles Lesen kam viel später. Der schon erwähnte Augustinus berichtet von einer Begegnung mit dem heiligen Ambrosius, der als außergewöhnlicher Leser galt. Augustinus schreibt in seinen "Bekenntnissen" über ihn: "Wenn er las, überspannten seine Augen die Seiten, und mit dem Herzen nahm er die Bedeutung auf. Seine Stimme schwieg, und seine Zunge blieb unbewegt. Jeder konnte sich ihm frei nähern, und da die Gäste meist nicht angekündigt wurden, geschah es oft, wenn wir ihn besuchten, dass wir ihn still lesend vorfanden, denn er las niemals laut." Die Feststellung, dass Ambrosius "niemals" laut las, soll die erste gesicherte Information sein über stilles Lesen in der westlichen Literatur. Das stille Lesen brachte die Stille in die Bibliotheken. In den mittelalterlichen Klosterbibliotheken war es mucksmäuschenstill, die Mönche haben sich mit Handzeichen verständigt. Aber das laute Lesen ist nicht ausgestorben. Wir erleben es mit unseren Kindern, auch mit uns selbst, wenn wir im Gottesdienst das aufgeschlagene Gesangbuch in der Hand halten, den Text eines Chorals lesen, brav den Noten folgen und leise oder laut singen. Die Musik macht's möglich, die Musik macht uns Erwachsene auf raffinierte Weise wieder zu Kindern.

Eltern, Bücher, Lesen - das ist für Birgit Dankert die nachdrückliche, dreifach prägende Erfahrung in der Kindheit und Jugendzeit gewesen. Prägend auch das Erzähltalent der Mutter, die über ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis verfügte. So besuchte Tochter Birgit gleich nach der Wende mit den Erzählungen der Mutter im Kopf ihren Geburtsort Mühltroff bei Plauen im Vogtland. Mit den Erzählungen ihrer Mutter konnte sie sich orientieren, es war wie ein Wiedersehen mit einem Ort, an den sie selber keine Kindheitserinnerung hat, der sich allerdings auch 45 Jahre lang kaum verändert hatte, nur 45 Jahre älter geworden war.

Eines Tages sagte die Mutter zur fünfjährigen Tochter Birgit, "Es gibt ein Buch, dieses Buch ist so traurig, dass ich es dir nicht vorlesen kann." Das Buch hieß "Onkel Toms Hütte", und die Mutter musste Onkel Toms Hütte nach dieser Buchvorstellung nun erst Recht vorlesen. Das Vorlesen hatte Folgen: Zwei Jahre später, während der Sommerferien in Oberammergau, beobachtete Tochter Birgit, wie ein schwarzer Junge in Begleitung weißer Erwachsener - offensichtlich Amerikaner - ein Hotel betrat. Da schrie Birgit: "Das ist ein Sklave! Der darf da doch nicht rein." Birgit Dankert erzählte mir diese Geschichte als ein Beispiel für die Wirkung von Literatur. Die Wirkung geht noch weiter; denn sie erreichte ja auch die Mutter, die sich über den Vorfall amüsierte, und den sechs Jahre älteren Bruder, dem das peinlich war, und sie erreichte auch die Amerikaner, die nur Bahnhof verstanden.

Heute blickt Birgit Dankert auf eine schöne, reiche, behütete Kindheit zurück. So hat sie mir erzählt. Liegt da das Geheimnis? Sie sieht in ihren Eltern die Anstifter zum Lesen. Sie haben noch zum Lesen angestiftet, als ihre Tochter in Münster und Tübingen studierte; denn vor den Semesterferien mahnten sie: "Geh nicht arbeiten, sondern steck deine Nase lieber in ein Buch."

Nun befindet sich in ihrem Kopf eine Bibliothek mit Büchern und Lieblingsbüchern. Goethes frühe Gedichte sind dabei und Fontanes "Effi Briest". Auch "Der Schwierige" von Hugo von Hofmannsthal hockt da oben.

Der Kopf als Bibliothek. Ort des Wissens und der Orientierung, Ort der Vernetzung und Verknüpfung, Ort der Stille und Zeit. Selbstverständlich auch ein Ort der Empfindungen und Gefühle. Wie sieht diese Bibliothek im Kopf aus? Ist sie das vertikale Labyrinth, das Jorge Luis Borges beschreibt in der Erzählung "Die Bibliothek von Babel"? Da klettert der Büchermensch die Regale hoch, himmelwärts, immer auf der Suche nach dem einen Buch. Hätte er es gefunden und gelesen, er bräuchte nie mehr ein Buch lesen. Will aber der Büchermensch so ein Buch?

Ich bin für das horizontale Labyrinth. Das vertikale lebt von der dritten Dimension, und die will ich meiden. Immer schön am Boden bleiben, frei von den Zwängen der bibliothekarischen Administration, immer wieder - der Weg ist das Ziel - in die Regale greifen und dann und wann ein Buch entdecken, es in die Hand nehmen und wissen was es ist: Geniestreich der Einfachheit, Geniestreich der Wirkung. Ein Buch, von dem Franz Kafka sagte: es "muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns."

Ich bin fast am Ende. Schließen möchte ich mit einem frühen Goethe-Gedicht, weil die frühen Goethe-Gedichte zur Lieblingslektüre unserer Preisträgerin zählen. Ich habe eines ausgesucht, das auch zu meinen Lieblingsgedichten gehört. Goethe schrieb es, als er achtundzwanzig Jahre alt war:


Beherzigung

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?

Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.

Eines schickt sich nicht für alle
Sehe jeder wie ers treibe,
Sehe jeder wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle.

***