Preisträger 2005 der Karl-Preusker-Medaille |
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Worte der Preisträgerin
Verleihung Karl-Preusker-Medaille 2005-10-22 Worte der Preisträgerin Lieber Herr Ruppelt, lieber Herr Böttger, lieber Herr Missfeldt, liebe Freunde/Freundinnen und Kollegen/Kolleginnen, meine Damen und Herren, eine Auszeichnung, einen Preis zu erhalten, ist etwas ganz anderes als einen Preis ins Leben zu rufen, einen Preis zu vergeben, die Preisverleihung zu organisieren, über die Vergabe zu entscheiden oder eine Laudatio auf die Preisträger zu halten. All' das hatte ich in kultur- und bibliothekspolitischen Ämtern 35 Jahre lang durchprobiert und - um mit Tonio Kröger zu sprechen - "bis auf den Grund" erfahren. Aber nun selber Preisträgerin zu sein, ist etwas ganz Neues, das ich einübe, seit mir die Deutsche Literaturkonferenz die wunderbare Botschaft überbrachte, am 24.10. - dem Tag der Bibliotheken - solle mir die Preusker-Medaille 2005 verliehen werden. Wohl jeder, der Literatur, andere Medien und Künste liebt, ist fasziniert von dem Perspektivenwechsel, den sie mühelos ermöglichen. Mir bereitet es Mühe, die bibliothekarische Welt, in der ich mich den größten Teil meines Lebens bewegt habe, aus der Sicht einer Preisträgerin, die "den Kulturauftrag des Öffentlichen Bibliothekswesens wirkungsvoll fördert" (so heißt es in den Ausschreibungsbedingungen), zu betrachten. Der Perspektivenwechsel ändert vor allem und zunächst einmal das Zeitgefühl: von dem eindeutig, immer schon und zu jedem Zeitpunkt auf die Zukunft gerichteten Bewusstsein hin zur Vergangenheit, oder zumindest doch zum Perfekt. Dabei wage ich - vielleicht wirklich zum ersten Mal - mein anscheinend oder scheinbar preiswürdiges Handeln in diesen 35 Jahren so wichtig und als Einheit zu nehmen, dass es der Betrachtung und Beurteilung standhält. Das ist für mich eine schwere Arbeit. Denn den meisten der Projekte und Aktivitäten, von denen hier die Rede war - mögen sie nun zu Erfolgen und Misserfolgen geführt haben - wandte ich mich entweder ganz spontan oder einfach deshalb zu, weil sie mir für die Verwirklichung der seit meiner Kindheit tief in die Seele gedrungenen Idee des freien Zugangs zu Wissen, Kunst und Kultur notwendig erschienen. Ein Lebensplan oder eine auf Jahre hinaus ins Auge gefasste Strategie stand nie dahinter. "Local access to global information" ist die "globalisierte", aktuelle Version dieser Idee, die Preusker als einer der ersten in einer kleinen sächsischen Stadt mit einer Bibliothek umsetzte. Sie war zunächst für Schüler und Lehrer, dann für alle Bürger unentgeltlich zugänglich. Hier hat 1995 Richard von Weizsäcker den Tag der Bibliotheken begründet. Der Slogan "Local access to global information" ist in seinen beiden Teilen gleich wichtig - und ich freue mich sehr, dass beide auf dieser für mich so bewegenden Feier auch präsent sind. - Als Beweis darf mein Laudator, der Autor und Starfighter-Pilot Jochen Missfeldt gelten, dessen autobiographisch gefärbter Erzähler in seinem jüngsten Roman "Steilküste" sehr gerne auf dem Riesenrad des ländlichen Jahrmarktes fährt, bevor er sich wieder auf die Spur einer Episode der deutschen und der Weltgeschichte macht. Was der globale Informationsaustausch, was digitale Informationsnetze, was Interkulturalität und Weltkultur und seine Vertreter wie Funktionäre wert sind, wird an ihrer Zugänglichkeit, ihrer Teilhabe, ihrer Glaubwqürdigkeit und Wirkung auf lokaler Ebene - dazu zählt das Dorf in Angeln wie der Stadtteil in Hamburg - entschieden. Es ist mir immer wichtig gewesen, dass ich bei "Bücherrunden" vor den mächtigen und einflussreichen Schleswig-Holsteiner Landfrauen, bei wissenschaftlichen Vorträgen an Hochschulen und auf Weltkongressen der Library and Information Community, auch in wirtschaftlich orientierten Verhandlungen der gleiche Vision folgte und nicht der Versuchung erlag, diese Sphären mit billigen Pointen gegeneinander auszuspielen. Kindheit, Jugend, Schulzeit sind in aller Regel "local". Seit der Europäischen Aufklärung gilt es zu gewährleisten, dass Kinder und Jugendliche, dort, wo sie aufwachsen, kulturelle Bildung erfahren - mit Medien, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen. Die Geschichte der Kinder- und Jugendmedien, die Geschichte der westdeutschen Kinder- und Jugendbibliotheken nach 1945 ist eine Erfolgsgeschichte ohne gleichen. Es war an Glücksfall für mich, dass ich daran teilnehmen durfte. Aber allen Kommunal- und Kulturpolitikern - gleich welcher Couleur - sei mit Nachdruck versichert, dass diese Erfolgsgeschichte nicht eine Konsequenz engagierter Familien-, Bildungs- und Kulturpolitik, sondern vielmehr das Ergebnis eines bunten Flickenteppichs kleiner und kleinster Projekte, Aktivitäten und einer langsamen Professionalisierung dieses Arbeitsbereiches bei Autoren, in Verlagen, Schulen, Buchhandlungen, Elterhäusern, Bibliotheken, Akademien war. Bundespolitisch und auf föderativer Ebene hat erst die PISA-Studie - eine politische Vergleichsstudie, die Plätze verteilte - diesem wichtigen Arbeitsfeld Respekt verschafft. Zwischen dem Bundesjugendplan von 1955/56 und den Konsequenzen aus der PISA-Studie gab es kein staatliches Förderprogramm zur Leseförderung, Jugendliteratur und Kinderbibliothek. Wie quer die föderative Kultur- und Bildungspolitik zum "local access to global information" liegen kann und wie wichtig daher die kommende Föderalismus-Debatte auch für den kulturellen Auftrag der Bibliotheken wird, zeigen die Bemühungen um moderne und leistungsgerechte Schulbibliotheken. Gemeinsam mit vielen anderen bin ich mit meinen Bemühungen um Schulbibliotheken seit 35 Jahren immer wieder gescheitert. Geht man über Good-will-Erklärungen hinaus und sucht nach verbindlichen Zuständigkeiten, müssen die vier norddeutschen Länder passen. Wenn eine Hamburger Schule eine Schulbibliothek mit Service-Leistungen wissenschaftlicher Natur einrichten will, müsste sie sich eigentlich mit drei Senatoren/Senatorinnen kurzschließen (Wissenschaft, Bildung, Kultur). Warum das so ist, kann ich Ihnen wortreich historisch, politisch und psychologisch analysieren. Ich kann Ihnen auch eine Langzeitstrategie für einen Masterplan "Deutsche Schulbibliotheken" entwickeln. Aber inzwischen helfe ich lieber, zusammen mit Studenten eine kleine Schulbibliothek im Rahmen des heute möglichen einzurichten. "Global information" ist von den Bibliotheken durch die Jahrtausende ihres Bestehens sehr unterschiedlich interpretiert worden. Die Bibliothek von Alexandria glaubte sich sicher, mit ihren Schriftrollen das gesamte Wissen der Welt zu besitzen. Mit den französischen Enzyklopädien der Aufklärung war ein Medientyp gefunden, der dem alphabetisierten Citoyen die Welt ins Haus brachte. Die hybriden Bibliotheken der Gegenwart, die digitalen Weltbibliotheken der nahen Zukunft träumen den gleichen Traum. Diesen Traum träume ich auch. Für Bibliotheken weltweit tätig zu sein, ist ein großes Abenteuer -allerdings ganz anderer Art als in den Abenteuerromanen nachzulesen ist. Für meine Generation bedeutete es zum Beispiel in dem Jahrzehnt 1970 bis 1980 von ausländischen Kollegen intensiv angeschaut zu werden, um mit dem Alter auch den möglichen Grad der Mitschuld an den Verbrechen des sogenannten Dritten Reiches ablesen zu können. Es bedeutete, von skandinavischen und angelsächsischen Vorbildern - in meinem Falle von vielen dänischen Kolleginnen und Kollegen - zu lernen, aber gleichzeitig einen Weg zu finden, der in der jungen Bundesrepublik Deutschland gangbar war. Es bedeutete, bilaterale Beziehungen ganz unterschiedlicher Art aufzubauen: in den USA der Schüler, in Südtirol Berater zu sein - und wieder Schüler zu werden. Denn Südtirol ist inzwischen der europäische PISA-Sieger und besitzt eine ausgezeichnete schulbibliothekarische Infra-Struktur. Manchmal bedeutete es auch schuldig zu werden - z.B. im abgebrochenen Kontakt zu den Bibliotheken der CSSR nach 1968. Internationale Bibliothekspolitik ist Politik, das zeigte sich besonders, als wir mit EBLIDA eine bibliothekarische Interessen-Vertretung bei der EU aufbauten. Es war nicht einfach zu begreifen und noch schwerer zu erklären, was deutsche europäische Bibliothekspolitik ist: das wohlausgewogene Neben- und Ineinander der Förderung europäischer Gemeinsamkeiten und deutscher Eigen-Interessen im europäischen Raum. Die Urheberrechts- und Copyright-Fragen der digitalen Medien sind dafür das beste Beispiel. Die deutsch-deutsche Bibliotheksintegration nach der Wende lief zunächst für nicht wenige Bibliotheken und Bibliothekare auch nach den Spielregeln bilateraler Verhandlungen ab - und so mancher wäre gerne dabei geblieben. Wenn es wahr ist, dass einige Kollegen der Bundesrepublik Deutschland an dem Abend, als die Mauer fiel, schon entschieden, welche Bibliothek sie "drüben" leiten wollten, so ist es auch wahr, dass ich sofort wusste, was nun begann: der Aufbau einer deutschen Bibliothekslandschaft, die es auch vor 1933 nicht gegeben hatte - aber jetzt geben konnte! Der erste Kontakt, den ich in bibliothekspolitischer Mission wahrnahm, fand am 09.12.1989 im Zentralinstitut für Bibliothekswesen der DDR statt. Dann gab es mehrere Stränge der Annäherung, an denen ich beteiligt war: Lehrtätigkeit in Leipzig durch einen Dozenten-Austausch, gemeinsame Kongresse, ministerielle Planungen. Dazu freundschaftliche und kollegiale Begegnungen, z.B. mit der Leiterin der Stadtbibliothek meines Geburtsortes Mühltroff im Vogtland. Ich bin mir natürlich bewusst, dass die Last und die Mühen dieser Integration von unseren Kolleginnen und Kollegen der DDR getragen wurden. Aber für mich war es die erregendste, befriedigendste Zeit meiner ehrenamtlichen Tätigkeit zur Förderung der Bibliotheken. Um erfolgreich zu sein, mussten menschliche, fachliche, organisatorische, politische Aspekte eingebracht und zur Übereinstimmung gebracht werden. Ich wünsche diese Zeit nicht zurück - aber sie war wunderbar und ich erachte es als ein großes Privileg meiner Generation, am deutschen Einheitsprozess - auch der Bibliotheken und ihres kulturellen Auftrages - mitgewirkt zu haben. Als ich 1969 in Tübingen mein Examen machte, war ein selbstgewähltes Prüfungsthema Macchiavellis "Il Principe" - was die Professoren zu mildem Lächeln provozierte. Ich kenne die Macht. Mir steht die Freiheit höher und daher ist mir ihr Preis: Konflikte, verschlossene Türen, Misserfolge und Abgründe nicht fremd. Heute muss ich keinen Preis zahlen, heute wird mir einer verliehen. Sie haben schon gemerkt, dass es die Anfänge sind, die mich faszinieren - nicht im Sinne des Hesse-Gedichtes als neuer Anfang nach dem Abschied, sondern als "unerhörte Begebenheit", als neue Erfahrung, als ein unbekannter Weg zu einem selbstdefinierten oder akzeptierten allgemeingültigen Ziel. Für mich sind "Bibliotheken für alle" ein solches Ziel. Ich danke der Deutschen Literaturkonferenz für die so ehrenvolle Auszeichnung, ich danke, um es mit den Worten der brasilianischen Autorin Nelida Pinon zu sagen, "all' denjenigen,, die mir geholfen haben, die Welt zu verstehen", alleine wäre ich nämlich hilflos. Dazu gehören die Familie, die Kolleginnen und Kollegen, meine Studentinnen und Studenten, die Nachbarn in Glücksburg und Hamburg und ein einzelner Herrn, der wieder einmal nicht genannt werden will. Birgit Dankert |