Preisträger 2004 der Karl-Preusker-Medaille

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Laudatio anlässlich der Verleihung der Preusker-Medaille am 04. November 2004
an Frau Angelika Casper, Frau Christel Mannhardt und Frau Ina Philippsen-Schmidt

von Thomas Böhm



Wem fühlen wir uns verpflichtet?

Rede zur Verleihung der Preusker-Medaille an die Initiative "Leselust statt Pisafrust"

Der Raum war nur in den großen Pausen und an manchen Tagen nach Schulschluß geöffnet. Er lag neben der Treppe, die zum Schulhof hinunterführte. Man hatte also die Wahl, eine viertel Stunde Brötchen mit Mohrenkopf, Mädchen nachkucken, ein Ballspiel in seiner lahmen Schulhofvariante oder in die Bibliothek. Irgendwann ging ich zum ersten Male hinein, wahrscheinlich war ich nicht allein, wahrscheinlich ging ich vor allem, weil es draußen regnete. Ich werde aber das Gefühl nie vergessen, das ich nach dem Eintreten hatte: daß alle Bücher dort für mich frei zugänglich waren, dass ich sie mitnehmen konnte, in unser Haus in der Zechensiedlung, wo es neben Comics und Karl May nichts gab. Das Gefühl, daß ich einfach an den Regalen entlanggehen und nach der Schönheit des Umschlages, nach dem Abenteuer oder dem Wissen, das ein Buchtitel versprach, auswählen konnte. Und nicht nur eines, vier pro Woche.

Ich erzähle diese Geschichte darüber, wie ich durch eine Schulbibliothek zum Leser wurde, in der kürzestmöglichen Fassung, denn die heute zu Ehrenden haben sie schon gehört. Ich erzähle sie Ihnen, meine Damen und Herren, um zu begründen, daß ich aufgrund eigener Erfahrung die Initiative "Leselust statt Pisafrust" unterstütze.

Sie werden gleich, wenn die Preisträgerinnen die Entstehungsgeschichte der Initiative erzählen, eine ähnliche Geschichte hören und darin die wissenschaftlichen Begriffe, die man zum Erzählen einer solchen Geschichte gebrauchen kann - "Chancengleichheit", "schulische Ressourcen", "sozioökonomische Benachteiligung". Begriffe, die man gegenüber Politikern anwenden muß, denn es scheint, eine andere Sprache wird nicht mehr gesprochen, anders lassen sich Ideen nicht mehr überzeugend ausdrücken.

Ich habe in diesem Jahr dutzende Reden bei Anlässen wie diesen gehört. Preisverleihungen, Stipendiumsvergaben, leider auch Totenreden. Allen war eines gemeinsam: Sie waren schal. Nicht so sehr, weil man Ihnen anhörte, das gestresste sogenannte "Kultur-Politiker" oder sogenannte "Kultur-Schaffende" sich wahrscheinlich eine knappe Stunde ihrer knappen Zeit genommen oder gleich ihren Redenschreiber drangesetzt hatten, der aus Parteiprogramm und Pressemiteilungen etwas zusammengemurkst hatte.
Nur nebenbei: Ich bilde mir ein, zu so einem Anlaß hätte man sich früher in eine Bibliothek gesetzt.
Den schnellen Murks nennt man heute "Professionalismus", und oder, weil es ja alle so machen, "Tagesgeschäft".

Mich hat bei all diesen Reden vor allem gestört, dass ein "Warum" nie zur Sprache kam. Warum verleiht eine Institution überhaupt einen Preis, warum widmet ein Künstler sein Leben einem Werk, warum engagieren sich andere dafür? Warum hält einer eine Rede?
Man kann diese Frage noch grundsätzlicher formulieren: "Warum Kultur?", dann wird aber die Antwort zu lang. Oder ist die Frage sogar überflüssig, weil alle das sowieso wissen, über das Warum der Kultur ein stillschweigendes Einverständnis herrscht - nur verstehe ich dann nicht, wieso Kulturpolitik in den letzten Jahren immer nur Streichen ist und Gestaltung von Kultur Umgehen und Umsetzen von Kürzungen?

Ich möchte deshalb hier konkreter werden und Ihnen und mir die Frage nach dem "Warum?" der Kultur in ihrer wichtigsten Variante vorlegen. Sie lautet: "Wem fühlen wir uns verpflichtet?"

Ich weiß, dass das Wort "Pflicht" aus der Mode gekommen ist, da es nach Zwang und Obrigkeit klingt. Dann doch lieber Verführung zum Lernen, spielerische Zugänge, Spaß. Nur: wie kommt man aus diesem Lustigsein zu jenem Selbstverpflichtungsgefühl, das meiner Meinung nach grundlegend ist für die Kultur. Ein Gefühl, es sich selbst schuldig zu sein, sich weiter zu bilden, emotional wie intellektuell, Anteil zu nehmen am Gemeinwesen, an der Kunst, am Schicksal anderer Menschen.
Wenn all das der Lust und dem Spiel überlassen bleibt, dann wählt man sich die lustvollsten Formen, dann möchte man z.B. sehen, wie eine mit den Mitteln der plastischen Chirurgie schwer traktierte "Pornokönigin" in einem "Dschungelkamp" herumläuft. Sie sehen in diesem einen Satz, dieser Konstellation alle menschenverachtenden Mechanismen von Frauen-Diskriminierung bis zum Ausschluß aus gesellschaftlichen Strukturen am Werk - alles bloß ein Spiel, alles reine Lust. Die Menschen, die so was produzieren, die Menschen, die daran teilnehmen, die Menschen, die sich das anschauen, die Menschen, die das ausstrahlen - was haben die wohl für ein Verständnis von Kultur? Wem fühlen die sich wohl verpflichtet? Der Quote. Der Unterhaltung. Dem Werbekunden.

Spaß und Kommerz - dem fühlen sich auch die Kulturformen verpflichtet, die in den letzten Jahren so erfolgreich sind. Die Events. An ihnen kann man eine weitere Dimension der Kulturlosigkeit beobachten: Die Gedächtnislosigkeit. Ein Event ist per Definition nur erfolgreich, wenn es einmalig ist. Es muß von sich behaupten, das größte Literaturfestival der Welt zu sein, eine einmalige, nie wieder zusammentragbare Ausstellung, zehn statt einem Tenor. Alles andere zählt nicht, Besseres, Größeres, Schöneres hat es nie gegeben, kann es nicht gegeben haben. Die Behauptung genügt, kein Journalist fragt nach, die Medien wollen ja mitmachen, mitspielen - siehe oben.
Aber hat nicht Charles Dickens zu einer einzigen Lesung 5.000 Besucher zusammengebracht? Wie sahen Sängerfeste im 19. Jahrhundert aus, wie eine Ausstellung des Pariser Salons?
Abgesehen davon, dass die Behauptung, alles besser zu machen, peinlich ist, ist sie auch noch dumm, denn sie vergibt die große Chance, aus dem, was die Kultur bereits geschaffen hat, zu lernen. Ohne Bewußtsein dafür dreht man sich im engen Kreis der Gegenwart und behauptet, man hätte grade das Rad erfunden.

Wo bleibt der Respekt vor dem, was die Menschen, die vor uns lebten und wirkten, geleistet haben? Warum fühlen wir uns ihnen gegenüber nicht verpflichtet? Möge mir keiner mit dem Bruch kommen, den es in der deutschen Geschichte gibt, und damit die eigene Gedächtnislosigkeit und Geschichtsunkenntnis rechtfertigen.
Wenn wir uns der Vergangenheit nicht verpflichtet fühlen und ein solches Gefühl unseren Kindern nicht vermitteln können oder wollen, warum sollte sich in Zukunft irgendjemand an uns erinnern, unseren Leistungen Respekt entgegenbringen? Sie merken es: ohne ein Verpflichtungsgefühl hört die Kultur im umfassenden Sinne auf zu existieren.

Das sei auch allen Politikern gesagt, die denken, sie könnten in die Geschichtsbücher eingehen, als die großen Sparer, als diejenigen, die die öffentlichen Haushalte saniert haben. Indem sie "freiwillige" Kulturleistungen ach so ganz gegen ihre Überzeugung streichen. Die mit Sachzwängen argumentieren, die sie meist selbst verursacht haben. Dazu nur soviel: Wer sich der Kultur verpflichtet fühlt, dem würde es niemals einfallen, eine Bibliothek zu schließen. Im Gegenteil, der würde sich überlegen, wie man im Angesicht von demnächst 5 Millionen Arbeitslosen, die dem Dschungelkamp gegenübersitzen oder dem Dudelfunk, nicht um die kulturellen Einrichtungen herum, aus ihnen heraus, neue gesellschaftliche Strukturen, ein neues Verständnis von Arbeit, Bildung, Freizeit, Lebensinhalt, Lebensqualität schaffen könnte.
Sich der Kultur verpflichtet zu fühlen, heißt auch, sich der Zukunft verpflichtet fühlen. Den Kindern Chancen erhalten, Räume zu öffnen. Die Idee "Sie sollen es einmal besser haben als wir" drückt, wenn sie nicht rein materiell verstanden wird, eine Selbstlosigkeit aus, die auch zur Verpflichtung der Kultur gehört.

Vergangenheit, Wissen, Bewahren, Bilden - sie merken, meine Damen und Herren, meine Überlegungen führen zwangsläufig zu einem Ort: zur Bibliothek.
Zum Archiv der Kultur. Sie verstehen, daß die Idee, Bibliotheken zu schließen, der Gipfelpunkt von Kulturvergessenheit ist. Es ist die Zerstörung von Zukunft, es ist damit eine Selbstzerstörung. Es ist auch die Zerstörung einer wunderbaren, alternativen Denk- und Erfahrungsart, die auf einem kleinen, aber ganz wichtigen Unterschied zum alltäglichen kapitalistischen Kaufen und Verkaufen beruht: Alles was man in einer Bibliothek bekommt, ist nur geliehen. Man hat die Verpflichtung, damit gut umzugehen, es zurückzugeben, damit andere es wieder lesen können. Und wenn man ein geliehenes Buch in der Hand hält, dann merkt man, dass es andere schon gelesen haben, dass man eine oder einer in eine Kette ist. So ist jeder Besuch, ist jede Entleihe eine Einübung in die Verpflichtung der Kultur.

Liebe Initiatoren von "Leselust statt Pisafrust", Sie bekommen heute eine Medaille verliehen, die an eine große Tradition erinnert, an die Gründung eines unserer wichtigsten Kulturgüter: der Volksbibliothek. Sie erhalten sie dafür, daß Sie sich dieser Kultur verpflichtet fühlen. Ich gratuliere Ihnen, ich gratuliere den Stiftern zu Ihrer Wahl, ich gratuliere uns zu Ihrem Mut machenden Beispiel, wie ein Verpflichtungsgefühl gegenüber der Kultur wirken kann.
Wir sind Ihnen dafür zu Dank verpflichtet.

gehalten im Literaturhaus Köln am 4.11.2004
von Thomas Böhm