Preisträger 2004 der Karl-Preusker-Medaille

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Dankrede aus Anlaß der Verleihung der Preusker-Medaille 2004

Angelika Casper

Ina Philippsen-Schmidt

Christel Mannhardt


Liebe Gastgeber, liebe Gäste, nach der Jahrtausendwende der Schock:
Programme for International Student Assessment

Spätestens 2001 dachten auch Lehrer bei PISA nicht mehr an ihren letzten Aufenthalt in der Toskana.

Die Organisation für Wirtschafliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD, bescheinigte den deutschen Schülern und Schülerinnen miserable Lesefertigkeiten.
Auch die mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungen lassen im internationalen Vergleich zu wünschen übrig.
Logisch, wenn man sich wegen mangelnder Lesekompetenz Textaufgaben nicht wirklich erschließen kann.

Erinnern wir uns:


Mit weiteren 13 Ländern liegt Deutschland unter dem OECD-Durchschnitt von 32 Ländern.

PISA definiert Lesekompetenz als die Fähigkeit, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und zu bewerten. In der Studie wurden rund 140 Aufgaben gestellt, die der Art von Lesekompetenz entsprechen, die 15-jährige wahrscheinlich für ihr künftiges Leben benötigen. Einige Kinder beherrschen noch nicht einmal die elementarsten Kenntnisse und Fähigkeiten. Sie sind zwar des Lesens im technischen Sinne mächtig, haben aber enorme Probleme, die Lesekompetenz als ein Mittel einzusetzen, das ihnen Dinge begreifbar macht.

Nach der OECD Studie besteht ein Zusammenhang zwischen Lesefähigkeit und häuslichem Zugang zu Literatur .

Das heißt, Kinder aus den sogenannten "bildungsfernen" Schichten und Kinder, deren Eltern nach Deutschland migrierten, haben es besonders schwer. Die Migrantenkinder haben noch zusätzlich das Problem, der Unterrichtssprache Deutsch folgen zu müssen.

Einen Ausgleich zur Herstellung der Chancengleichheit - und damit der Verbesserung auch der Schülerleistungen in Deutschland - bieten schulische Ressourcen.

Die PISA-Sieger-Länder verfolgen das bildungspolitische Ziel, allen Schülern und Schülerinnen gleiche Chancen zu bieten. Nur so können alle ihr Potenzial voll entwickeln.

Meine Damen und Herren, natürlich spielen auch die kommunalen Schulträger eine entscheidende Rolle bei der Minderung der Effekte sozioökonomischer Benachteiligung.

Nicht alleine der Ruf nach mehr Lehrern ändert die Situation - moderne Lernformen erfordern Selbstlernzentren mit professioneller Betreuung, wie wir sie in den Schulbibliotheken Kölns vorfinden..

Die Schülerleistungen sind laut PISA-Studie in solchen Schulen höher, in denen die Schülerinnen und Schüler häufiger Gebrauch machen von der bereitgestellten schulischen Ausstattung - vom PC bis zum Buch.


Was hat die OECD nun vorgeschlagen?. Sie empfiehlt die verstärkte Förderung von Lesekultur und Lesefreude.
Prima!
Köln ist offenbar auf einem vorbildlichen Weg.

Wir können stolz sein auf unsere Stadt, die es immerhin 30% der Kölner Schüler der Sekundarstufen 1 und 2 ermöglicht, eine bewirtschaftete Schulbibliothek zu nutzen. Wir sprechen hier von den 13 Schulbibliotheken für 21 Schulen in Köln, die professionell von ausgebildeten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren geführt werden.

Dort wird mehr getan, als Bücher für die Freizeit auszuleihen:
  • Bei der Auswahl wird beraten,
  • der Zugang zu weiteren Medien sichergestellt,
  • die Nutzung von Medien im Team unterstützt,
  • das Leseverstehen über den Deutschunterricht hinaus gefördert,
  • Lehrer werden angeleitet im Gebrauch von Literatur und anderen Medien,
  • moderne Arbeits- und Lernformen werden in Selbstlernbereichen ermöglicht,
  • Präsenzmaterial fürs Lernen steht bereit,
  • Leseerlebnisse werden geschaffen,
  • Autoren beteiligen sich,
  • und und und.

Und die Ganztagsschüler haben uneingeschränkten Zugang zu diesen Schätzen.

Die richtige Antwort auf PISA wäre gewesen, das noch auszubauen.

Aber stattdessen - Februar 2002 - der nächste Schock....


Vom Dezernat für Schule und Weiterbildung sollen 5 Mio. Euro Einsparungen für den städtischen Haushalt erwirtschaftet werden. Schnell sind sich maßgebliche - aber leider wenig sachkundige - Verwaltungsleute und Politiker einig:
die Hälfte der bewirtschafteten Schulbibliotheken soll dicht gemacht werden.

So , als hätten sie von PISA nie etwas gehört.

Diese Leute jammerten bei bildungspolitischen Veranstaltungen über die PISA-Ergebnisse und glaubten, sämtliche Räder neu erfinden zu müssen. Gleichzeitig wollten sie die seit mehr als 25 Jahren bewährten Schulbibliotheken - einstampfen. Die Juwelen für die Lesekompetenz. Das entbehrte jeder Vernunft.

Wir Eltern wollten da nicht mehr stillhalten.


Ja, wir mischten uns nun ins Geschehen ein.

Für uns ging es um mehr als um die Rettung städtischer Planstellen. Die Zukunft unserer Kinder stand auf dem Spiel. Die Verantwortlichen gaben sich alle Mühe, ihre bildungspolitische Verantwortung dem Stadt-Kämmerer und kurzfristiger Interessen willen aufzugeben. Aber nicht mit uns!!

Bei einer Versammlung der Schulpflegschaften der Kölner Gesamtschulen sagte Kiki Mannhardt dazu:


Die haben vielleicht Nerven!! Und das nach Pisa.
Vor lauter Pisafrust machen die jetzt noch die Leselust kaputt


  Was hast du da gerade gesagt??


So war der Name unseres Bündnisses geboren:


   Leselust statt Pisafrust.


Während alle noch diese Wortschöpfung bewunderten, kritzelte ich ein Logo auf einen Fetzen Papier.


Hey, da ist ja auch schon das Logo zum Namen, da brauchen wir doch nur noch eine Postadresse.


  Gut, Deine!!


Das war die ca. 2minütige Gründungsphase des Aktionsbündnisses Leselust statt Pisafrust.

Daraufhin trommelten wir Lehrer, Schüler, Eltern und Bibliothekare der betroffenen 21 Schulen zusammen.

Das Literaturhaus stand uns spontan zur Verfügung, wofür wir uns herzlich bedanken.

Nun hatten wir also schon Titel, Logo, Postadresse, Mitstreiter und einen Versammlungsraum.

Da fehlte uns noch eine Schirmherrin. Wir bedanken uns bei Frau Hedwig Neven-Dumont, dass Sie unserem Wunsch gefolgt ist, uns zu unterstützen.

Wir suchten dann noch Bündnispartner, die direkt mit Büchern - d.h. mit ihren Inhalten - zu tun haben, Schriftsteller. Davon hat Köln reichlich zu bieten. Zahlreiche Autoren, die in Köln leben, erklärten sich auf unsere Bitte hin bereit, die Patenschaft über eine Schulbibliothek zu übernehmen. Danke dafür.

Nun organisierten wir noch phantasievolle Aktionen, bei denen uns viele Menschen unterstützt haben, denen wir hier auch herzlich danken möchten. Mit geeinter Kraft wollten wir die Öffentlichkeit und die Politiker davon überzeugen, dass wir - ganz besonders vor dem Hintergrund der PISA-Ergebnisse - dafür zu sorgen haben, dass unsere Schulbibliotheken dem städtischen Rotstift nicht zum Opfer fallen.

Ein wenig haben sie zwischenzeitlich beigegeben - wenn es auch schwer war, erst die Schulpolitiker und noch schwerer, die übrigen Ratsmitglieder zu überzeugen, nachhaltig städtische Bildungsarbeit zu betreiben.

Wir konnten jedenfalls erreichen, dass keine Schulbibliothek dicht gemacht wird und dass der Personalstand - der ohnehin schon über die Jahre von einst 20 Stellen auf 12 geschrumpft ist - auf dem Status Quo gehalten wurde.
Der städtische Haushalt wird weiter umkämpft sein
- und alles geht jetzt nach der Kommunalwahl von vorne los.


Uns wird jedenfalls nicht die Puste ausgehen.

Auch der künftige Rat wird seine Freude daran haben müssen, wie wir dieses Kleinod städtischer Bildungsarbeit verteidigen werden.

Und er wird jetzt sogar stolz darauf sein müssen, weil unser Aktionsbündnis zum Erhalt der Bibliotheken an den Schulen nun die Karl-Preusker-Medaille verliehen bekommen hat.

Damit ist Köln jetzt bundesweit bekannt mit einem Vorzeigeobjekt städtischer Förderung von Lesekompetenz.

Vielen Dank an die Literaturkonferenz,
dass Sie uns und damit auch der Stadt Köln
zu dieser Ehre verholfen hat.


Meine Damen und Herren, Sie sehen, wir lassen nicht locker.

Wir lassen nicht zu, dass die von gelernten Bibliothekaren (immerhin ein Beruf mit langer Ausbildung) geleistete professionelle Arbeit in den Schulbibliotheken von Ehrenamtlern gemacht werden soll.

Um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen: wir reden nicht von engagierten "Lesemüttern" in Grundschulen, sondern wir sprechen hier von Bibliotheken, die einen Bestand von zum Teil fast 30.000 Medien haben, die seit Jahrzehnten gewachsen sind, immer professionell betreut wurden und täglich im Schnitt von jeweils bis zu 500 Schülern besucht werden.

Diese bildungsrelevanten Einrichtungen dürfen nicht einer kurz gedachten Sparpolitik zum Opfer fallen.

Denn wie das aussieht, wenn diese Einrichtungen von Ehrenamtlern betreut würden, davon geben wir Ihnen jetzt einen kleinen Vorgeschmack.

(Es folgte eine Satire von "Lisbeth",
(Gesamtschulmutter aus Holweide)