Preisträger 2003 der Karl-Preusker-Medaille

Preisträger 2003 | Urkunde | Laudatio | Dankrede | Alle Preisträger
Dankrede aus Anlaß der Verleihung der Preusker-Medaille 2003

Dr. Regina Peeters

Sehr geehrter Burkhart Kroeber,
lieber Claus Sprick,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

"I am the greatest."
Keine Sorge: Bei aller Freude, ganz so zu Kopf gestiegen ist mir die Auszeichnung mit der Karl-Preusker-Medaille 2003 denn doch nicht, dass ich gleich zum großmäuligen Superlativ und dann auch noch in der Weltsprache Englisch greifen würde.
So notwendig und wünschenswert es mitunter auch immer noch wäre, die Sprache der Bibliothekare und der literarischen Übersetzer durch einen solchen größenwahnsinnigen Paukenschlag aus ihrem Dornröschenschlaf zu erlösen, endlich einmal wegzukommen von all diesen müden Bescheidenheitsformeln, den ewigen Jammertopoi, der großen Fuge in Ach, dem wohligen Auskosten des hohen Wehs in aller Öffentlichkeit. Hat eigentlich schon jemand einmal bemerkt, dass Bibliothekare und literarische Übersetzer im Grunde allzu oft und allzu lange schon dieselbe Sprache gesprochen haben - eine Sprache der Selbstbescheidung bis hin zur Selbstdemütigung, eine kleinmütige Sprache, auch eine Sprache des Selbstmitleids, fast eine Sklavensprache?
"I am the greatest." Wie anders klingt da dieser selbstbewusste Satz von Muhammad Ali, eines Nachfahren von Sklaven. Ali, der Superschwergewichtsboxer, der vor einigen Wochen auf der Frankfurter Buchmesse allen die Show gestohlen hat, den Naddels und Bohlens ebenso wie den schauspielernden Verlegerwitwen in der Paulskirche oder den Russendisko veranstaltenden Autorendarstellern auf der Messe.
Die Pointe an diesem Marketing-Clou: Muhammad Ali sagte auf der Buchmesse kein einziges Wort. Er hat auch kein einziges Wort geschrieben. In dem ganzen 33 Kilo schweren und 3000 Euro teuren Buch des Taschen-Verlags findet sich kein einziger Satz aus neuerer Zeit von Ali. Muhammad Ali kann nicht mehr schreiben. Ob er es je konnte, steht mir nicht an zu beurteilen, heute ist er jedenfalls zu krank dazu. "I am the greatest." In Frankfurt war Ali das wirklich. Ich bin zufällig während der Buchpräsentation an dem vom Taschen-Verlag eigens aufgebauten Boxring in Halle 4.0 ganz in der Nähe des neuen Übersetzerforums vorbeigekommen und erlebte, wie ich glaube, einen Kairos im Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit, einen Moment der Entscheidung, in welche Richtung sich die Buchkultur in Deutschland entwickeln wird: ein Mann, der nicht reden und nicht schreiben kann, wurde in diesem Moment zum meistgefeierten Star der Buchmesse. Und zwar mit einem Buch, das in diesem Moment nur als Blindband existierte, ein Buch mit leeren Seiten also, das noch niemand gelesen haben konnte.
Es gibt Bilder, die sich einprägen: dieses zählte dazu. Es war folglich nur konsequent, dass das Bild von Muhammad Ali im Boxring das Bild der diesjährigen Buchmesse wurde und international durch unzählige Medien lief.

"I am the greatest." Dieser Satz bringt eine Entwicklung auf den Punkt, die in immer rasenderer Geschwindigkeit immer größere Teile des kulturellen Felds erfasst und auch vor der Arbeit der literarischen Übersetzer und der Bibliothekare nicht halt macht. Es ist die vielbeschworene Spaß- und Eventkultur, die Deutschland-sucht-den-Superstar-Kultur oder wie die aktuelle Manifestation des in jeder neuen Verpuppung stets aufscheinenden, ewig-gleichen Jeder-gegen-jeden-Prinzips auch immer heißen mag.
Dieses Jeder-gegen-jeden-Prinzip, so unterhaltsam, kurzweilig und amüsant es in seiner jeweiligen ästhetischen Ausspielung auch wirken mag, ist die genaue Antithese meiner Arbeit, der Arbeit des Europäischen Übersetzer-Kollegiums in Straelen, und übrigens auch die Antithese der Ideen Karl Benjamin Preuskers, in dessen Namen diese Arbeit heute geehrt wird.

"Ich möchte darauf hinweisen, dass große Dinge nicht immer in großen Städten geschehen und nicht immer mit irrsinnigem Tamtam und Popp und Hopp, das schnell zerplatzt. Ich glaube, dass hier etwas ganz Großartiges geschehen ist, was wahrscheinlich bis heute fast einmalig ist." Dies sagte Heinrich Böll, neben Max Frisch und Samuel Beckett einer der Schirmherren des Kollegiums, anlässlich der Eröffnung des neuen EÜK-Domizils 1985. Nun war Heinrich Böll dem Pathos nicht abgeneigt. Den Nobelpreisträger gleichwohl nicht ins Unrecht zu setzen, versucht das Team des Übersetzer-Kollegiums jeden Tag aufs Neue.
Sie merken, ich spreche von Team, und dies keineswegs in jener eingangs angedeuteten Sprache der Bescheidenheit, die allzu lange die Sprache der Bibliothekare und literarischen Übersetzer war. Jedes Lesen ist Übersetzen. Und Lesen und Übersetzen ist nun einmal Teamarbeit: Teamarbeit zwischen Autor und Leser, Text und Übersetzer, in Straelen zwischen Übersetzer und Bibliothekar. Literarische Übersetzer werden traditionell mit Einsamkeit in Verbindung gebracht. Schon ihr Schutzpatron, der Einsiedler Hieronymus, war ein rechter Griesgram und verkörpert nicht eben barocke Lebensfreude, wie er über seinen Büchern schwitzend im Gehäus dargestellt wird. Übersetzer "wirken im stillen", "vergraben sich", führen ein "Eremitenleben" und trauen sich selten aus ihrem "Schneckenhaus", weil sie "das Licht der Öffentlichkeit" scheuen. So die Legende. Ob dieses Bild je gestimmt hat, weiß ich nicht, es stimmt jedenfalls immer weniger: Nicht alle Übersetzer sind solch lichtscheues Gesindel, und viele hätten nichts dagegen einzuwenden, wenn ihre Arbeit "in der Welt draußen" ein größeres Echo fände.

Am Anfang des Europäischen Übersetzer-Kollegiums stand eine Vision, die man heute wohl kommunitaristisch nennen würde: kein arrogantes "I am the greatest", sondern eher Realisierung, dass wir alle besser werden, wenn wir uns gegenseitig helfen, oder wie es der gute alte Karl Marx so schön formuliert hat: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!" Es war die Vision, eine Begegnungsstätte für literarische Übersetzer zu schaffen, einen Ort des kosmopolitischen Austauschs ebenso wie der konzentrierten Arbeit, eine Bibliothek vieler unterschiedlicher Schriftkulturen mitten in einer Grenzregion. Genau fünfundzwanzig Jahre nach den ersten konzeptuellen Vorüberlegungen ist die Vision tagtäglich erfahrbare Wirklichkeit geworden: Im Europäischen Übersetzer-Kollegium kann man kontinuierlich an dem jeweiligen Projekt arbeiten und entgeht doch der "depressiven Verstimmung", die sich in der Isolation am heimischen Schreibtisch zuweilen einstellt. Der Kontakt zu anderen Kollegen ermöglicht, was im Übersetzeralltag zu kurz kommt: Man blickt über den eigenen Tellerrand. Schließlich ist ein großer Teil des literarischen Übersetzens Handwerk, und wie in jedem Handwerk gibt es Tricks und Kniffe, die man sich bei anderen abschauen kann - man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden.

Literarische Übersetzer sind eine besondere Benutzergruppe in Bibliotheken. Wer selbst schon einmal versucht hat, eine Kurzgeschichte ins Deutsche zu übertragen, wird rasch gemerkt haben, dass literarisches Übersetzen dort anfängt, wo einen die Standardlexika im Stich lassen. Die Recherchen literarischer Übersetzer decken fast den gesamten Wissenskosmos ab - schließlich kann kein Mensch in allen Kulturen, in allen Wortfeldern der Welt zu Hause sein. Literarische Texte spielen aber nun mal in allen möglichen Milieus, ihre Protagonisten haben alle möglichen Berufe und Hobbys; alle Fachsprachen, Soziolekte und Dialekte können in ihnen aufscheinen.

Je nach der im Roman abgebildeten - oder konstituierten - Wirklichkeit müssen sich Übersetzer dann innerhalb kürzester Zeit in verschiedenste Fachsprachen einarbeiten, Sachverhalte aus allen Kultur- und Lebensbereichen klären und Zitate aus obskuren Quellen ermitteln. Herzstück des Kollegiums bildet daher die rund um die Uhr zugängliche Bibliothek, die speziell auf die Bedürfnisse literarischer Übersetzer ausgerichtet ist und Nachschlagewerke in 270 Sprachen und Dialekten - von Avesta bis Zulu - und eine Bibliothek mit Werken der Weltliteratur - meist in Original und Übersetzung - umfasst.

Ein Sammelauftrag, der da lautet: "alle relevanten Nachschlagewerke in allen Sprachen", ist natürlich eher ungewöhnlich. Er bedeutet, für alle möglichen Sprachenkombinationen alle relevanten Nachschlagewerke zur Verfügung zu stellen, die möglichst alle Informationsbedürfnisse befriedigen. Natürlich muss die Erfüllung dieses Auftrags auch in Zeiten des Internet letztlich Utopie bleiben, doch Monat um Monat erfüllt die Kollegiumsbibliothek ihn ein klein wenig besser.

Karl Preusker hätte übrigens sicher Gefallen gefunden an unserer Bibliothek: er war eben nicht nur ein Vorkämpfer für die Idee der öffentlichen Bibliothek für jedermann, sondern engagierte sich daneben noch auf so unterschiedlichen Gebieten wie Pädagogik und Statistik, schrieb Aufsätze über die High Tech und Biotechnologie seiner Zeit, nämlich über die Cholerabekämpfung im Jahre 1831 und die erste größere deutsche Eisenbahnstrecke zwischen Leipzig und Dresden, und widmete sich außerdem intensiv seinem Hobby, einer Sammlung alter Enzyklopädien. Alles in allem, so stelle ich mir Karl Preusker vor, entspricht er mit diesen Interessen den Übersetzern, die die Bibliothek in Straelen heute nutzen.

Dass es diese Bibliothek gibt, verdankt sich einer ganzen Reihe engagierter Übersetzer, die in den 70er Jahren Abschied vom Prinzip "I am the greatest" nahmen, allen voran den Hauptinitiatoren des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Elmar Tophoven und Klaus Birkenhauer. Wenn ich heute mit großer Freude die Karl-Preusker-Medaille durch die Deutsche Literaturkonferenz und ihrer Verbände erhalte, dann sehe ich diese Auszeichnung als Anerkennung einer Idee, die in Gestalt des Europäischen Übersetzer-Kollegiums in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden ist, einer Idee, die ich heute als immer notwendigeres Korrektiv zum Jeder-gegen-jeden-Prinzip unserer Kultur und unserer Gesellschaft sehe, einer Idee, die ich mit Blick auf die anwesenden literarischen Übersetzer heute so formulieren möchte: You are the greatest. Vielen Dank.