Preisträger 2002 der Karl-Preusker-Medaille |
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Wozu sind Bücher gut?
Laudatio auf Erich Loest am 24.10.2002 in Leipzig aus Anlass der Verleihung der Karl-Preusker-Medaille Richard Schröder "Wissen ist Macht", hat Francis Bacon gesagt und so gesehen sind Bücher oft Machtmittel. Der Satz ist in der DDR oft zitiert worden. Der Satz ist ja auch nicht verkehrt und es gibt tatsächlich viele Bücher die Machtmittel sind. Ich nenne sie die Know-how- Bücher. Als ich den Führerschein erworben hatte - er hieß damals Fahrerlaubnis, damit wir nicht an den Führer erinnert werden, antifaschistische Schrullen waren das -, lieh unser Vater uns drei Brüdern sein Auto, einen alten DKW F6 für eine Zelttour in die Tschechoslowakei. Aber vorher musste und wollte ich mir mittels eines Lehrbuches für KFZ- Schlosser das notwendige Wissen über Zündung und Vergaser erwerben, um nicht ganz ratlos dazustehen, wenn das Auto plötzlich stehen bleibt. Außerdem wurde ich mit einem Satz üblicher Ersatzteile ausgestattet. Bücher können in noch anderer Weise Machtmittel sein, Machtmittel der Indoktrination. Auch das hat jeder DDR-Bürger erlebt. "Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist", dieser Satz von Lenin verhieß Allmacht denen, die die Klassiker eifrig studierten und anwandten, meist aber nicht im Original, das höchstens seitenweise, es konnte sonst zu unwillkommenen Irritationen kommen, sondern in Gestalt offiziell abgesegneter Lehrbücher des Marxismus-Leninismus, die allerdings eine niedrige Halbwertzeit hatten, weil sie umgeschrieben wurden, wenn sich die Parteilinie änderte. Auch diese Lehrbücher sollten Know-how-Bücher sein, indem sie nämlich die Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft vermittelten, durch die der Mensch seine eigene Entwicklung planmäßiger gestaltet. Genauer besehen aber zerfiel "der Mensch" in wenigstens vier Menschen: die führende Partei, die geführten Massen und die Klassenfeinde. Die vierte Klasse, das waren diejenigen, die sich zwar als Führer und Dirigenten beim Aufbau des Sozialismus fühlten, der führenden Partei zugehörig, in Wahrheit aber Geführte waren. Solange sie spurten, konnten sie sich der Teilhabe an der Macht erfreuen. Aber wehe, wenn sie in Ungnade fielen. Dann fielen sie tief, nämlich in die Klasse der Klassenfeinde. Und trotzdem haben auch sie oft noch lange gebraucht bis sie merkten: ich bin verführt worden. Womöglich hat es die erste Klasse gar nicht gegeben, die Führer und Dirigenten, womöglich waren sie alle verführte Führer, nur mit dem Unterschied, dass die einen es ahnten oder gar wussten, die anderen nicht. Denn die Partei, die immer Recht hatte, das war ja ein seltsames Abstraktum, geführt von Rechthabern, die über Nacht abstürzen konnten, wenn andere Machthaber die Oberhand bekamen. Sie, Herr Loest, haben das alles am eigenen Leib erlebt, und zwar mehrfach: plötzlich und unerwartet abzustürzen- ahnungslos und von der Sache des Sozialismus überzeugt, im Glauben, ihm zu dienen, plötzlich beschuldigt: 1950, nach dem Buch "Jungen, die übrig blieben" beschuldigt der Standpunktlosigkeit und kleinbürgerlichen Gesinnung und aus der Redaktion der LVZ gefeuert; 1953 nach dem Aufsatz "Elfenbeinturm und Rote Fahne", in dem Sie nach dem 17. Juni die sozialistische Presse wohlmeinend, als Sozialist, kritisiert haben, die innerparteilichen Lobhudeleien, wer Beifall klatscht, gilt als fortschrittlich, wer eine Maßnahme nicht versteht, als Mensch zweiter Klasse mit verkehrtem Bewusstsein und Missstände wurden permanent verschwiegen. Da galten sie als faschistischer Provokateur. Und 1957, als Sie sich mit polnischen Kommunisten getroffen hatten und auf Gomulka die Hoffnung setzten, Polen werde einen eigenen Weg zum Sozialismus gehen, weg vom stalinistischen Unrechtsstaat und zur sozialistischen Demokratie; als sie sich weigerten, sich von Ihrem Freund Zwerenz zu distanzieren, und das Verbrechen gestanden, nach dessen Flucht seine Frau und seine Kinder unterstützt zu haben, wurden sie wegen Bildung einer staats- und parteifeindlichen Gruppe zu 7 ½ Jahren Bautzen verurteilt. Zurück zu den Büchern. Lehrbücher, wie das für KFZ-Technik sind nützlich und können einem aus der Klemme helfen, sie werden aber nicht geliebt. Auch Indoktrinationsbücher werden nicht geliebt. Kurz nach der Maueröffnung starteten der Volksbuchhandel und die DDR-Verlage ein gewaltiges Rückrufprogramm. Sie wussten offenbar genau, welche Bücher von jetzt an blamabel sind für den Verlag, vor allem nämlich die marxistisch-leninistische Schulungsliteratur. Manche Buchhändler und Bibliothekare haben so genau nicht zu unterscheiden gewusst und schließlich alle DDR-Bücher entsorgt. Im Grobmüll vor Kindergärten konnte man kistenweise Schallplatten sehen, darunter auch Grimms Märchen oder Peter und der Wolf. Jetzt komme ich zu den Büchern, die man wirklich lieben kann. Es sind diejenigen, die einem eine Welt eröffnen, die teilnehmen lassen an anderer Menschen Schicksalen und Erfahrungen und so oder so mir dazu verhelfen, auch mich selbst und meine Welt besser zu verstehen. Von der Art ist auch das Buch der Bücher, Bibel genannt, von griechisch biblios, das Buch. Bücher, die man lieben kann, haben etwas mit Freiheit zu tun. Und ganz besonders haben bestimmte Bücher in einer Diktatur mit Freiheit zu tun, der verbotenen nämlich. Die SED wusste ganz genau, warum sie peinlich genau die Einfuhr von Druckerzeugnissen kontrollierte und weitgehend unterband und warum sie im eigenen Land eine Zensur ausübte, die strenger war als zur Zeiten der Monarchie. Auch das haben sie, Herr Loest, hart am eigenen Leibe erlebt, als Bücherschreiber. Die Kehrseite der Zensur: was verboten ist, macht uns gerade scharf. Der westliche Normalbürger kaufte ein Buch, von dem er hört, dass es wichtig ist, und stellt es erst mal ins Regal, bis er Zeit hat. Wenn wir im Osten zufällig über Freunde mal an eines der verbotenen Bücher kamen, mussten wir es sofort lesen, weil wir es schnell zurückgeben mussten. Ich weiß gar nicht, was aus mir geworden wäre in der DDR ohne die verbotenen Bücher. Ich wäre geistig verdorrt oder missbildet worden. So aber konnte ich, wenn schon die äußere Freiheit arg zu wünschen übrig ließ, noch die innere retten, die Kritikfähigkeit nämlich. Aber heute, könnte jemand einwenden, kann doch jeder jedes Buch kaufen oder ausleihen, und die Diktatur ist auch vorbei, verschone uns mit deinen DDR- Erinnerungen. Was damals galt über Bücher und Freiheit ist doch passé. Irrtum. In unseren Märchen geht es ja manchmal ziemlich grausam zu, wenn nämlich die Bösen ihre Strafe bekommen. Trotzdem bin ich nicht der Meinung, solche Märchen würden die Kinderseelchen verkrümmen. Dagegen bin ich fest überzeugt, dass Gewalt-Videos nicht nur auf Kinder und Jugendliche, sondern auch auf Erwachsene verderblich wirken - vielleicht mit der Einschränkung, dass da schon etwas verkorkst und verdorben sein muss, zuvor schon, wenn Menschen Gewaltszenen freiwillig genießen und dazu gar dauernd. Es geht hier nämlich um den Unterschied zwischen Sehen und Hören. Denn Lesen ist ja eine Art optischen Hörens, weshalb wir Kindern zunächst vorlesen. Das Sehen ist unser distanzlos präsentierender Sinn. Im Hören und Lesen dagegen sind wir distanziert. Wir müssen das Gehörte uns selbst vergegenwärtigen, uns also ein bisschen anstrengen. Menschen, die Furchtbares erlebt und gesehen haben, können dadurch so geschockt, verstört und gestört sein, dass sie mit ihrem Leben nicht mehr zurecht kommen und sie können oft zunächst nicht darüber sprechen. Sie können das Erlebte nicht verarbeiten, wie man sagt. Verarbeiten- wie macht man das? Indem man lernt, darüber zu sprechen, das Erlebte durch Mund und Ohr gehen lassen, das befreit. Bilder des Furchtbaren machen betroffen-stumm oder betroffen-sprachlos. Reden und Hören und Lesen verschaffen Distanz und das verschafft Freiheit. Und da ist noch ein anderes Moment im Spiel. Was wir sehen, das läuft wie es läuft- ob nun in Wirklichkeit oder am Bildschirm, ob wir mitkommen oder nicht. Beim Lesen bestimmen wir das Tempo. Wir können das Buch kurz beiseite legen und nachsinnen. Lesen fördert die Besinnung: zu sich selbst kommen. Manche meiden das lieber oder fürchten das gar, wie jemand, der lieber in der Kneipe sitzt als zu Hause, weil es zu Hause furchtbar ungemütlich ist. Ja, manche Menschen haben Angst davor, zu sich zu kommen. Und: wer nicht liest, bleibt ein Fremdling in der eigenen Sprache. Wer sich schlecht ausdrücken kann, neigt dazu, sich durch Zuschlagen bemerkbar zu machen. Ich bin mir ziemlich sicher: Jugendliche, die prügeln, Ausländer oder auch Be-hinderte, lesen keine Bücher. All das macht den Unterschied aus zwischen einer Videothek und einer Bibliothek oder zwischen einem Jugendlichen, der täglich stundenlang vor der Glotze sitzt oder einem, der täglich wenigstens ein Stückchen liest. Ich möchte nicht Ihr literarisches Werk unter literarischen Blickpunkten würdigen, das würde mich überfordern. Ich möchte Ihnen aber meinen Respekt aussprechen für die Gründlichkeit und Ehrlichkeit, mit der Sie in Ihrem autobiographischen Arbeiten Ihren Weg durch zwei Diktaturen beschrieben haben, wie Sie zur inneren Freiheit gelangt sind in dem Moment, in dem Sie begriffen, mitverstrickt gewesen zu sein und nicht nur betrogen, wie Ihnen in der Auseinandersetzung in Ihrem Aufsatz "Elfenbeinturm und Rote Fahne" der Widerspruch zwischen Gewissen und Partizipieren 1953 aufging. Loest über Loest: "Hätte er nach 1945 mehr Zeit gefunden mit seinem Naziballast fertig zu werden, wäre ihm nicht zu schnell und zu pauschal vergeben worden, hätte er nicht zu flink Preisgabe zu einem wenn auch völlig anderen Ziel hin angestrebt, wäre ihm ein zweites Aufwachen erspart geblieben." Bei einer Lesung 1985 in Schönsee, 40 Jahre nach Kriegsende haben Sie davon berichtet, wie Sie einmal überzeugter HJ-Führer waren und Werwolf noch in den letzten Tagen des Krieges. Dann fragen Jüngere: "Als Sie damals gezwungen wurden...", "Nein, sagte ich, ich habe das alles freiwillig gemacht." "Ja, sagte ich, ich habe die Nazi-Propaganda bis zum letzten Tag geglaubt." Die Jungen wollten es einfach nicht glauben, dass es das massenhaft gab. Sie haben keine Ahnung vom Innenleben einer Diktatur. Sie können sich nur blutrünstige Täter und gezwungene Opfer vorstellen. Und die Älteren schweigen. Sie springen Ihnen nicht bei. Sie sind noch immer nicht bereit, zuzugeben, inwieweit auch sie damals Verführte waren. Deshalb, glaube ich, wehren sich so viele in Ost und West gegen den Vergleich der zwei deutschen Diktaturen. Sie wollten nicht wahrhaben, wie groß die Verführungskraft einer totalitären Ideologie auf ganz "anständige" Menschen sein kann, auf Menschen wie du und ich. Deshalb müssen Nazis Ungeheuer gewesen sein und die DDR war doch gar nicht so schlecht. Sie, Herr Loest, wissen das alles, Sie kennen den Unterschied zwischen nützlichen, den schädlichen und den liebenswerten Büchern und haben selbst die Zahl der liebenswerten Bücher durch eigene vergrößert. Dafür sind Sie bereits mit mehr als einem Dutzend Preisen geehrt worden und mit zwei Ehrendoktoren dazu. Sie haben die Freiheit des Wortes in der Diktatur praktiziert und dafür siebeneinhalb Jahre in Bautzen absitzen müssen. Sie gehören zu den wenigen Schriftstellern aus der DDR, denen der Fall der Mauer nicht die Sprache verschlagen hat. Es sind sehr wenige. Sie waren ja ein ost-westdeutscher Schriftsteller geworden längst vor dem Fall der Mauer. Seit 1981 lebten Sie im Westen und 1990 sind Sie nach Leipzig zurückgekehrt. Das hat Sie in den Stand gesetzt, sich unbefangen zur deutschen Einigung zu Wort zu melden, unbefangen deutlich in Richtung der DDR-Nostalgiker, die dem Mief der Wohnküche nachtrauern, unbefangen deutlich aber auch im Blick auf die Defizite der letzten zwölf Jahre, in Zeitungsartikeln, im Gespräch mit Politikern. Auch für Ihr politisches Engagement sind sie vielfach geehrt worden, durch zwei deutsche und einen polnischen Verdienstorden und zwei Ehrenbürgerschaften. Heute möchten wir Sie dafür ehren, dass Sie sich außerdem noch für das Lesen verdient gemacht haben. Der königlich sächsischen Rentamtmann Karl Benjamin Preusker hat 1828 in Großenhain eine Schulbibliothek eingerichtet, aus der die erste öffentliche Bibliothek Deutschlands wurde. Sie haben, zunächst hier in Leipzig, eine Initiative auf den Weg gebracht, die den Stadtbibliotheken aufhelfen soll, erst einmal 1000,- DM für jede, wohlgemerkt ausschließlich für die Anschaffung von Büchern, beschafft durch Benefiz-Lesungen und durch Aufrufe, es möchten sich doch diejenigen, die gut Geld haben, sich der öffentlichen Bibliotheken annehmen - wenn denn die öffentliche Hand sträflicherweise vor allem bei der Kultur spart. Und siehe da, für Leipzigs Bibliotheken kamen so im Jahr 2000 27.000 DM und dazu Bücher im Wert von 17.000 zusammen. Auch Gutes kann ansteckend wirken. Den Chemnitzer Bibliotheken stiftete die Hypo-Vereinsbank daraufhin 10.000 DM für den Ankauf von Büchern. Sich um öffentliche Bibliotheken kümmern, Bücher für jeden, auch für die, die knapp bei Kasse sind, das ist weder bei Schriftstellern noch bei Politikern selbstverständlich - anders bei Erich Loest. Dafür hat Sie bisher noch niemand geehrt, das geschieht jetzt mit vollem Recht. |