Preisträger 2002 der Karl-Preusker-Medaille

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Dankrede aus Anlaß der Verleihung der Preusker-Medaille 2003

Schiller und wir
Erich Loest


Vor Jahren, als ich einen polnischen Orden erhielt, zitierte ich den französischen General Murat, der auch auf Leipzigs Feldern focht: "Ich trage Orden, damit man auf mich schießt!" Ich wollte für die Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Schriftstellern in die Pflicht genommen werden. Heute zeichnet mich ein würdevoller Verband mit einer Medaille aus, weil mir Bibliotheken am Herzen lagen und liegen. Das muss Folgen haben.

In unserer Stadt wird häufig von Leuchttürmen geredet. Stolz ragt die Porsche-Kathedrale über ehemaligem Militärgefilde. Als propagandistischer Leuchtturm möchte Leipzigs Olympiabewerbung gelten, im Augenblick Deutschland überstrahlend und in der Hoffnung der Betreiber demnächst die ganze Welt. Als ich zuerst vom Vorhaben hörte, Olympia nach Leipzig zu holen, wusste ich nicht: Sollten es Sommerspiele ums Zentralstadion sein oder Winterspiele am Fockeberg? Trotz mancher Skepsis mischte ich mich unter die Lobpreiser, um kein Spiele-Verderber zu sein. Unterdessen halte ich es nicht für entsetzlich, Leipzig verlöre den nationalen Ausscheid. Anderenfalls müssten wir die Werbemaschine auf teuerste Touren drehen. Nun ginge es gegen Weltstädte wie Rom, Paris oder New York, alle sind zehn oder fünfzehn Mal größer und hundert Mal reicher. Inspektoren kämen nach Leipzig, stünden vor dem geschlossenen Gohliser Schlösschen und der halbmaroden Kongresshalle und merkten, wie unsere Kultur auf dem Zahnfleisch geht. Möge dieser Kelch von einem der anderen deutschen Bewerber geleert werden. Leipzig hat sich hübsch aus dem Fenster gelehnt - nun langt's. Wahrhaftig ein Leuchtturm war einst unsere Universität. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehrten hier Professoren wie Gadamer, Frings, Korff, Markow, Werner Kraus, Bloch und Hans Mayer. Ich muss nicht nachlesen, mein Gedächtnis hat es bewahrt, wie im Mai 1955 an Friedrich Schillers hundertfünfzigstem Todestag Prof. Hans Mayer in der überfüllten Kongresshalle ausrief: "Es ist nicht die Frage, wie wir zu Schiller, sondern wie wir vor Schiller stehen." Da hatte Deutschland die Welt mit einem Krieg überzogen, der fünfzig Millionen Menschen das Leben kostete, Stadt und Land lagen in Trümmern, der Jude Mayer war wundersamer Weise davongekommen und aus der Emigration heimgekehrt. Scheiterhaufen von Büchern und Menschen hatten gelodert. Goethe? Schiller? Büchner? Wir Jungen lasen Heine und Tucholsky zum ersten Mal. 47 Jahre später: Wie stehen wir denn heute vor Schiller in den Zeiten von City-Tunnel, BMW und Olympia?

Unsere Universität beherbergt derzeit nicht einen einzigen Professor, den man überall in der Stadt kennt oder dessen Ruf etwa über die Grenzen Leipzigs hinausdränge. Es wird eingespart und eingespart, Stellen entfallen. Das Hickhack um den Neubau am Platz mit den Milchtöpfen tut ein übriges. Wiederaufbau der Paulinerkirche oder architektonisches Zitat oder was? Unklarheiten quälen, Lösung ist nicht in Sicht. Allmählich geht die PDS unter, der bronzene Marx und die Seinen aber beharren an schmutziger Fassade. Das Schicksal unserer Universität ist baulich, personell und finanziell ein dunkles Kapitel. Da leuchtet nichts.

Nun weiß ich wohl: Geld ist nicht gleich Geld, manches fließt aus Berlin, manches aus Brüssel oder Dresden, anderes sollte den Stadtsäckel prall halten, tut es aber nicht. Es kann nicht meine Aufgabe sein, Geld aus einer Hand gedanklich in die andere zu schichten. Dafür wähle ich Politiker auf all diesen Ebenen bei verschiedenen Urnengängen. Die Politiker haben zu entscheiden, was mit den Steuergroschen und -milliarden geschieht. Das Ergebnis zählt.

Wir stehen heute vor Schiller so: Im Rathaus wird nachgedacht, schrittweise über wenige Jahre hinweg zwei Drittel aller öffentlichen Bibliotheken zu vernichten, alle in den Vororten und den vor kurzem noch selbständigen Gemeinden. Dort ist eh schon gekürzt und gestrafft worden, dass Gott erbarm, nun soll der Rotstift ganze Arbeit leisten. Die Strategen dieser Studie haben ermittelt, dabei entstünden für Bibliotheksbenutzer Fahrzeiten mit Bahn und Bus bis zu 25 Minuten in jeder Richtung. Fahrten kosten Geld, natürlich. Jetzt schon sinken die Zahlen an Lesern und Ausleihen jährlich im Umfang von etwa fünf Prozent. Die Folgen dieses massiven Angriffs auf unsere Kultur wären verheerend. Für Kinder, Rentner und Kranke, auch für viele, die beruflich arg beansprucht sind, bedeutete der geplante Rückzug der Bibliotheken aus der Fläche das Ende aller Möglichkeiten, von ihren Schätzen zu profitieren. Auch Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger wären übel behindert. Wer derlei plant, schätzt unser Kulturerbe nicht, steht also miserabel vor Schiller, der in unserer Stadt ein Lied schrieb, das die Freude als schönen Götterfunken preist. Eine frühe Fassung rühmt anstelle der Freude die Freiheit. Gedankenfreiheit und Bildungsfreiheit sind das erklärte Ziel aller Aufklärer.

Noch schlechter als die öffentlichen Bibliotheken werden die Schulbibliotheken ihren Aufgaben gerecht. Ihr Bestand stammt bis zu neunzig Prozent aus DDR-Zeiten. Selten helfen ABM-Kräfte aus, gegenwärtig ist, dies nur ein Beispiel, die Bibliothek des Reclam-Gymnasiums, einer Vorzeigeschule, geschlossen. Wenn die Stadt die kleineren öffentlichen Bibliotheken abwickelt, entfallen auch bisher gepriesene Versuche, mit Schulbibliotheken zu kooperieren.

Wo Leuchttürme strahlen, fallen Schatten umso dunkler. Wer die Schließung von vielen kleinen Kulturzentren in den Stadtvierteln, den einzigen dort, ernsthaft für möglich hält, hat unsere zwanzig Prozent Arbeitslosen nicht mitbedacht.

In den Wahlkämpfen neulich war von einer Arbeitslosigkeit zwischen dreieinhalb und vier Millionen Menschen in Deutschland der streitende Disput. Jeder achte von ihnen sollte beschäftigt werden, was nicht gelang. Von den übrigen sieben war bei keiner Partei die Rede. Diese sieben Zwerge bleiben ihrem Schicksal überlassen. Wer von ihnen ist schon in der Lage, Bücher für sich und seine Kinder zu kaufen. Durch gestärkte Bibliotheken, etwas anderes kann für einen Humanisten gar nicht infrage kommen, könnten wir ihnen den Zugang zu den Werten des Lebens und einen Teil menschlicher Würde erhalten.

Dreieinhalb Millionen Arbeitslose bedeuten einen von der Politik hingenommenen Grundstock, denn unsere Maschinen sind so vortrefflich, dass sie deren Arbeit nebenher mit erledigen. Arbeitslose im Osten reagieren anders als im Westen. Es ist den Leipziger Bibliotheken kaum gelungen, ehrenamtliche Helfer zu gewinnen. Ein Ostler, der seine Arbeit verliert, reagiert beleidigt: Mich will keiner, ich gehöre zum alten Eisen. Da senken sich Mundwinkel, Mienen werden starr. Ehrenamtlich - nee! Sogar gelernte Bibliothekarinnen, die "freigesetzt" wurden, wie es harmlos klingend heißt, weigern sich, stundenweise an alter Stätte auszuhelfen. Ihr wollt mich nicht mehr? Aber dann konsequent! ABM-Kräfte wurden mühsam angelernt. Sie reagierten auf die Bitte, nach dem Ablauf ihrer Phase ein wenig zur Verfügung zu stehen, abschlägig. Wenn ich schon arbeitslos bin, so die Reaktion, dann total!

Im Osten sind viele Frauen arbeitslos, im Westen arbeiten viele Frauen nicht. Das ist ein Unterschied. Im Osten gilt Nichtarbeit als unverschuldeter Schicksalsschlag, im Westen als freie Entscheidung zwischen Beruf und Familie. In manchen neu entstandenen Siedlungen unserer Region wohnen aus Westdeutschland zugereiste Familien. Dort passiert es eher als in traditionellen Altgebieten, dass Frauen Fördervereine für die Schulen bilden, die von ihren Kindern besucht werden. Auch Sportvereinen und Bibliotheken wird auf diese Weise geholfen. Unterschiede also immer noch zwischen Ost und West nach zwölf gemeinsamen Jahren. Dies aber auch: Bei uns, in Holland, Frankreich und den USA gilt gleichermaßen: Wohlstand fördert die Neigung zu gemeinnütziger Betätigung. Die Frau eines Arztes oder besseren Angestellten ist dazu eher geneigt als die Empfängerin von Sozialhilfe, deren Mann unter Depression leidet. Und ihr Kühlschrank ist gerade kaputt gegangen.

Die PISA-Studie hat uns nicht aufgeschreckt, Handwerksmeister klagen umsonst, dass die Lese- und Rechenfähigkeit ihrer Lehrlinge immer mehr abnimmt. Lesefreude, Literatur- und Kunstliebe als humanistischer Wert, Achtung vor den kulturellen Leistungen der Vorfahren, ein Damm gegen die Verflachung durch Mörderfilme der Privatsender und der öffentlich rechtlichen dazu mit Pilcherei und Banalmusik, zu der Säle voller Deppen und Deppinnen stupid patschpatsch machen - wie stehen wir da vor Friedrich Schiller? Was den Kindern nicht durch Schule und Zugang zur Bibliothek frühzeitig in ihre Gedanken und Gefühle gelegt worden ist, findet später in aller Regel nicht hinein. Es nutzt gar nichts, wenn Parteienobere erklären, es müsse mehr für die Bildung getan werden. In unseren Stadtvierteln, in Connewitz und Engelsdorf, in Paunsdorf und Grünau muss es beginnen.

Vielleicht liegt strukturell etwas im Argen. Es wäre besser, die öffentlichen Bibliotheken gehörten nicht zum Kultur-, sondern zum Bildungsbereich. Dann wäre es leichter, Schul- und öffentliche Bibliotheken zu verzahnen. Abgesehen davon: Jetzt heißt es durchhalten. Die Schließung einer Bibliothek erscheint manchem denkbar. Es kommen auch einmal bessere Zeiten - selbst dann wird es schwer fallen, eine Bibliothek wieder zu eröffnen.

Wer hält die Festrede in drei Jahren zum zweihundertsten Todestag von Friedrich Schiller, anknüpfend an das, wozu uns Hans Mayer 1955 wortstark mahn-te? Ich stelle mir vor, eine freundliche Assistentin der Universität, von Abwicklung noch verschont, hält ein Seminar über das, was von ihrem Haus geblieben, sie nennt Zahlen über den Leistungsrückgang der Bibliotheken, sie berichtet über die Folgen von dem, was jetzt geplant wird. Durch Zufall erfahre ich davon und gehe hin. Ein Dutzend Studenten wartet auf dem Korridor. Durch die Mauern dringt der Lärm von Presslufthämmern. Die Assistentin eilt roten Kopfes herbei, der Schlüssel fürs Seminarzimmer ist nicht aufzutreiben oder die Toilette darüber undicht - wenn der Wurm drin ist, kommen alle Übel zusammen.

Dann gehe ich still hinaus in die Maiensonne und denke an Hans Mayer und seinen Freund Georg Maurer, nach dem einst dahier eine Bibliothek benannt wurde und der Leipzig eine den Musen bittere Stadt nannte. Ich stelle mir vor, wie ich die beiden alten Gefährten im Rosental treffe. Zu dritt sitzen wir auf einer Bank, und sie fragen mich: Sag mal, Erich, wie fühlst du dich als Ehrenbürger unserer Stadt und Träger der Preusker-Medaille obendrein?

Davon bin ich überzeugt: Christlich, Herr Kaminski, ist das, was gegenwärtig um unsere öffentlichen Bibliotheken geplant wird, nicht. Es ist, Herr Doktor Girardet, in keiner Weise liberal, und, Herr Tiefensee, sozialdemokratisch schon gar nicht.