Preisträger 2001 der Karl-Preusker-Medaille |
|
Preisträger 2001 |
Urkunde |
Laudatio |
Dankrede |
Alle Preisträger
Dankrede aus Anlaß der Verleihung der Preusker-Medaille 2003
Rede von Bettina Windau
Sehr geehrte Damen und Herren, als ich vor fast genau elf Jahren zum ersten Mal das Büro von Reinhard Mohn betrat, hatte ich im Gepäck eine bibliothekarische Ausbildung, eine gewisse Berufserfahrung, viel Enthusiasmus hinsichtlich der möglichen Wirkungen von Bibliotheken und - ich sollte es zugeben - auch ein wenig Frustration über einige Aspekte des öffentlichen Sektors sowie ein unbestimmtes Gefühl von Orientierungslosigkeit hinsichtlich der Rolle und der Arbeitsweisen und wohl auch der Zukunft öffentlicher Bibliotheken. Ich wusste auch einiges über das Haus Bertelsmann und über Herrn Mohn. Im Laufe des dann folgenden Gesprächs wurde mir klar, dass neben der unternehmerischen Sicht, die Herr Mohn auf die Welt hat, ihn auch ein tiefes Interesse an den Öffentlichen Bibliotheken bewegt. Dieses Interesse war nicht so sehr literarisch geprägt, sondern war insbesondere fokussiert auf eben die unternehmerische Seite der Bibliotheken: das Marketing, die Distribution die Leistungsbewertung - kurz: auf die Frage: wie kommt das richtige Produkt zur richtigen Zeit möglichst effizient zu möglichst vielen Kunden. (Wir alle kennen diese Überlegungen von anderer Stelle!) Und ich fand dass diese Aspekte, die ja zumindest damals doch eher komplementär waren zur allgemeinen Fachdiskussion, viel Lernstoff ergeben würden, sowohl für mich persönlich als auch, so hoffte ich, für die Bibliotheken. Im Laufe der folgenden Jahre lernte ich auch, dass private Stiftungen Institutionen mit einer oft vorteilhaften Dualität sind. Sie sind einerseits geprägt durch die Vision und den Willen einer Einzelperson, nämlich des Stifters - andererseits sind sie gemeinnützig, sie haben strikt der Öffentlichkeit zu dienen und müssen sich immer wieder den Anforderungen der Gesellschaft stellen, der Evaluation und der Kritik. Dass ich heute die Karl Preusker-Medaille entgegennehmen darf, zeigt, dass der Einsatz der Bertelsmann Stiftung für das öffentliche Bibliothekswesen von Ihnen als gesellschaftlich relevant und fachlich weiterführend anerkannt wird. Dies bedeutet mir sehr viel und ich danke der Deutschen Literaturkonferenz und Ihnen, Herr Dr. Ruppelt, sehr für diese Auszeichnung. Auch Ihnen, Herr Dr. Eichert, gilt mein Dank für die Laudatio, die uns wie immer im Dialog mit Ihnen neben den lobenden Worten auch einige Hausaufgaben mit auf den Weg gibt. Was ist denn nun eigentlich die Legitimation, mit der Stiftungen im Allgemeinen und eben auch die Bertelsmann Stiftung ihre Projekte im öffentlichen Bereich der Bibliotheken durchführt? Drei populäre Thesen könnte man diskutieren: Stiftungen verteilen Geld - manchmal viel Geld - und sind so eine Art moderner, zivilisierter Robin Hood? Oder 2.: Private Stiftungen arbeiten per se effizienter und können somit alle möglichen Aufgaben wahrnehmen, inklusive der öffentlichen? Oder wie wäre es mit einer dritten Variante: Stiftungen haben aufgrund ihrer Rechtsform und ihrer Ausstattung sozusagen angeboren die Nase im Wind und sind daher natürliche Protagonisten des Wandels? Keine dieser Thesen trifft nach meiner Meinung vollständig zu. Zwar mögen bei glücklichen Umständen diese Aspekte einzelne Seiten der Stiftungsarbeit berühren - entscheidend ist aus meiner Sicht aber ein anderer Punkt: Stiftungen sind besonders dazu geeignet, neue Wege zu gehen, Experimente zu wagen, einen Wettbewerb der guten Ideen in Gang zu bringen und somit beizutragen zur Vielfalt in unserer Gesellschaft. Vielfalt, sowohl inhaltlich als auch methodisch, ist einer der Bausteine, auf denen das Haus Bertelsmann gebaut wurde. Vielfalt ist ein Faktor, der entscheidend zum Unternehmenserfolg in rund 60 Ländern dieser Erde beigetragen hat. Und so ist durch Reinhard Mohn auch die Unternehmenskultur und die operative Arbeitsweise der Bertelsmann Stiftung angelegt: vielfältige Denkweisen prüfen und aus vielen Bereichen lernen, über den Zaun blicken, von den Besten abgucken. Und dann mit diesem Rüstzeug gesellschaftlich relevante, zukunftsorientierte Fragestellungen bearbeiten. Nah an der Praxis, modellhaft, zur Nachahmung empfohlen und damit auch selbst im Wettbewerb vielfältiger Ideen stehend. Unsere Projekte sind auf Nachhaltigkeit angelegt - auch das ein Gebot der Arbeit mit steuerbefreitem Geld - , das heißt: unsere Vorschläge müssen so gut sein, dass sie auch nach Projektende und ohne uns funktionieren. Das klappt auch meistens und eine wichtige Zutat dabei ist die Kooperation mit Personen und Institutionen, die sich aufgemacht haben, Bibliotheken besser zu machen, kundenorientierter, effizienter, wirtschaftlicher und flexibler......und die damit ja auch ganz im Sinne Karl Preuskers handeln, der unsere größte Bewunderung für die erstaunliche Aktualität und die Frische seiner Bibliothekskonzeption hat. Uns allen ist sehr deutlich: die besten Ideen und Theorien kommen nur zur Wirkung in der Zusammenarbeit mit Bibliotheken und Projektpartnern, die bereit sind, sich auf den Weg zu machen, gewohnte Arbeitsstrukturen zu durchbrechen und neue Methoden auszuprobieren. Uns ist bewusst, dass die Entwicklung und Implementation unserer gemeinsamer Projekte die Bibliotheken im Hinblick auf ihre Ressourcen und ihre Flexibilität oft an ihre Grenzen bringt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle meine Hochachtung und meinen Dank an all jene ausdrücken, die unsere Arbeit über Jahre begleitet haben durch ihre Mitarbeit in Projekten, durch ihr Praxiswissen, durch ihre wohlwollende und gleichzeitig kritische Diskussion und durch ihren Mut zum Wandel. Sie alle haben es erst ermöglicht, dass ich heute diese Auszeichnung entgegen nehmen kann. Sie werden mir glauben, dass diese Ehrung eine überaus angenehme Erfahrung ist - und so möchte ich insbesondere Frau Mai und all denen danken, die den heutigen Tag gestaltet haben. Und schließlich: Zum Gelingen beigetragen hat meine Familie durch stete Motivation und Verständnis für leicht chaotische Terminpläne. Und natürlich ohne Zweifel die Mitarbeiter des Bereiches Öffentliche Bibliotheken, die mir durch das gemeinsame Querdenken, Diskutieren und Nuancieren bei der Projektentwicklung immer wieder deutlich machen, dass Kreativität und Dialog untrennbar sind. Das Querdenken ist, wie Sie wissen, so eine Leidenschaft von uns. Wir schätzen und geniessen jeden Tag wieder das Privileg, Fragen stellen zu können wie diese: "Warum geht das eigentlich so?" und "Geht das nicht vielleicht anders auch?" oder "Geht es vielleicht anders besser"? So lassen Sie mich zum Abschluss eine kleine Geschichte mit Ihnen teilen, die in einer längst vergangenen Zeit spielt und von einer ganz anderen Branche handelt. Sie geht mir aber trotzdem seit Jahren im Kopf herum und sie ist, wie ich meine, für die Arbeit der Bertelsmann Stiftung bedeutsam, aber vielleicht auch für die Bibliotheken in der heutigen Zeit: Sie basiert auf einer Rede von Guy Kawasaki von Apple Computers und heißt "Rules for Revolutionaries", also "Regeln für Revolutionäre". Sie lautet so: Um 150 Jahren gab es im Nordosten der USA ein Unternehmen, das den Abbau von Eisblöcken aus den Flüssen und Seen der Umgebung betrieb. Im Winter schlugen sie große Stücke aus dem Eis, und verkauften sie in den Städten zur Kühlung von Nahrungsmitteln. Die Städte wurden größer, der Bedarf wuchs und das Unternehmen hatte die Idee, Pferde und Schlitten einzusetzen, um größere Blöcke zu transportieren und mehr Eis verkaufen zu können. Sie verbrachten viel Zeit damit, noch größere und bessere Schlitten zu entwickeln und immer mehr Pferde einzusetzen und so jedes Jahr ein kleines bisschen leistungsfähiger zu werden - - - und dann wurden Eisfabriken und Kühlschränke erfunden und wir ahnen, was mit dem Eisblock-Unternehmen geschehen ist. Das ist interessant: die stete Verbesserung der Schlitten und die bloße Vermehrung der Ressourcen hat den ursprünglichen Eislieferanten nicht viel genutzt. Es war das gänzlich Neue, das revolutionäre Denken, das am Ende zu frischer Milch in jeder Küche und, wie wir wissen, zu erheblichem geschäftlichen Erfolg geführt hat. Es geht nicht darum, auf einer vorgegebenen Strasse immer schneller zu laufen - es geht darum, die Kurven zu überspringen! Herr Preusker war wahrscheinlich so eine Art Kühlschrank-Erfinder-Typ. Zum Wohl von umfassender Information, freier Meinungsbildung und wirkungsvollem Lernen sollten wir alle es auch sein. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. |